Mit einem taubenblauen Cabrio zur Grenze

Von Michael Sontheimer

Ich muß zugeben, daß ich nur zögerlich, nach einer zweitägigen Bedenkzeit, auf Waldemars Vorschlag eingegangen war. Ich hatte nach einer Möglichkeit gesucht, von Phnom Penh nach Ho-Chi-Minh-Stadt zu kommen. Die Idee, mit einer betagten Tupolev von Air Cambodia zu fliegen, erschien vor dem Hintergrund einschlägiger Erfahrungen nicht besonders attraktiv, doch das Außenministerium hatte für einen Wagen nebst Fahrer 300 Dollar verlangt. Ein zu stolzer Preis für eine Strecke von knapp 250 Kilometern. Der Bus sollte umgerechnet vier Dollar kosten, aber in Phnom Penh erfuhr ich, daß er stundenlang an der Fähre über den Mekong warten müsse, an der Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam regelmäßig auseinandergenommen würde und außerdem häufig mit einer Panne liegenbliebe.

Waldemar, ein Ingenieur aus dem Thüringischen, der seit mehr als fünf Jahren für die Unicef in Kambodscha Brunnen bohrt, hatte mir eine Mitfahrgelegenheit von Phnom Penh bis zur Grenze angeboten. Son Sak, sein kambodschanischer Fahrer, habe kurz vor der Grenze zu tun. Für die restlichen siebzig Kilometer könne ich leicht einen Bus oder irgendein anderes Vehikel auftreiben. So weit, so gut. Doch was mich zaudern ließ, war das Fahrzeug, mit dem wir fahren sollten: ein Trabant.

Weltniveau auf vier Rädern. Plaste und Elaste aus Zwickau. Voll Osten. Wie oft habe ich diese VWs des Arbeiter- und Bauernstaats auf den Transitstrecken am Rand der Autobahn stehen sehen. Hunderte, nein Tausende müssen es im Laufe der 28 eingemauerten Jahre gewesen sein. Ein Trabi war das treffendste Symbol des Sozialismus, das sich ein Kind des Kalten Krieges vorstellen konnte.

Es gibt kaum etwas Beruhigenderes, als ein solides Vorurteil. Doch gelegentlich kann es ganz reizvoll sein, seine Kollektion an Voreingenommenheiten an der Realität zu messen. Außerdem gehören die wirklich abenteuerlichen Zeiten in Indochina langsam der Vergangenheit an. Der Bürgerkrieg in Kambodscha ist schon lange nicht mehr das, was er einmal war. Der Tod im Reisfeld ist zum Glück seltener geworden. Inzwischen können Ausländer – auch wenn sie nicht der Journalisten-Kaste angehören – durch die bis noch vor wenigen Jahren hermetisch abgeschlossenen Linder entlang des Mekong reisen; sofern sie mit viel Geduld, einem widerstandsfähigen Magen und einem weitgehenden Mangel an Sauberkeitsempfinden ausgestattet sind.

Ein einmaliges Auto