Hechingen – Stadt und Stammschloß der Hohenzollern

Von Esther Knorr-Anders

Außergewöhnliches befindet sich in Vorbereitung: Zwei Tote ziehen um. Mitte August dieses Jahres werden Friedrich der Große und sein Vater, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., das einstige preußische Residenzstädtchen Hechingen auf der Schwäbischen Alb verlassen und in Berlin-Potsdam ihren hoffentlich letzten Wohnsitz nehmen. Im historischen Sonderzug sollen die beiden Königssärge quer durch Deutschland zuckeln. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es regnen wird, denn der Himmel der sogenannten Rauhen Alb kennt reichlich Tränen. Wenige oder gar keine Tränen werden die Hechinger vergießen. Ihnen bleibt ja die Burg, ein Prunk- und Prachtstück, Stammschloß der weitverästelten Familie Hohenzollern. Wir wollen nicht annehmen, daß mit den verblichenen Königen auch die gesamte Burg per Stückgutverkehr vor dem Abtransport steht. Dann müßte der schmählich verlassene Zollerberg kahl ins Starzeltal trauern. Nein, soviel Unbill hätten die Hechinger nicht verdient, die mit Stolz ihre geschichtsträchtigen Bauten als Fremdenverkehrsattraktion preisen.

Doch bevor wir uns zur Burg begeben, um die dort aufbewahrten Särge mit einem Abschiedsblick zu ehren, schauen wir uns Hechingen an, das rund sechzig Kilometer südlich von Stuttgart, tief in den Albwäldern versteckt, zu finden ist. Verschachtelte, teils abschüssige Gassen, die unerwartet auf weite Plätze münden, bestimmen das Bild des in hellen Fassadenfarben erstrahlenden Städtchens. In den spitzgiebeligen Häusern laden Gasthöfe und Cafés zu allerlei schwäbischen Spezialitäten ein. Beliebter Abendtreff ist das „Feckel“, wo Einheimische und Fremde in trauter Runde beieinanderhocken. Kerzen flackern, uraltes Holz glänzt. Man mag beim Eintritt denken: Hier geht keine Zehenspitze mehr hinein. Doch es wird zusammengerückt. Fröhlich bietet der Nachbar von den „Maultaschen in Bouillon mit Kartoffelsalat“ eine Probe zum Kosten an.

Am frühen Morgen sollte man den Spaziergang durch Hechingen beginnen. Alles überragend, hebt sich die katholische Stifts- und Stadtkirche St. Jakobus aus dem Gassengewirr empor. Dieser 1783 vollendete Bau wurde nach den Plänen des französischen Architekten Michel d’Ixnard errichtet und zählt zu den bedeutendsten klassizistischen Kirchenbauten in Schwaben. Innen wirkt das Gotteshaus wie ein lichter Festsaal. Die für eine katholische Kirche sehr karge Ausstattung zwingt zur Konzentration. In der Wand des rechten Aufgangs zur Fürstenloge ruht in einem silbernen Reliquiar das Herz der 1847 verstorbenen Fürstin Eugenie von Hohenzollern-Hechingen, die als unvergessene Wohltäterin in der Stadtgeschichte fortlebt.

Hechingen war, bis es anno 1850 preußisch wurde, eine rein katholische Stadt, in der Evangelische kein Bürgerrecht erhalten konnten. Das änderte sich unter König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der seinen evangelischen Hechinger Untertanen ein eigenes Gotteshaus zusicherte. 1857 wurde die kleine Johannes-Kirche eingeweiht. Sie steht in unmittelbarer Nachbarschaft von St. Jakobus, schräg gegenüber dem Fürstengarten. Die Gläubigen beider christlicher Bekenntnisse mußten fortan miteinander auskommen – und siehe da, es gelang.

Die Johannes-Kirche ist ein schlichtes Bauwerk. Ihren Reiz bezieht sie aus der Tatsache, daß der Berliner Baurat Friedrich August Stüler die architektonischen Akzente auf den Stil der Hohenzollernburg abstimmte. Das wertvollste Geschenk, das Friedrich Wilhelm IV. der Johannes-Gemeinde zukommen ließ, ist ein Altarkruzifix aus der Zeit Karls des Großen. Christus trägt keine Dornenkrone, sondern eine Königskrone. Ein kostbarer Schurz umhüllt die Lenden. Nicht als leidender Sterbender, vielmehr als Wissender um das unsägliche Elend der Menschheit, spannt er die Arme gleich Flügeln aus; eine überirdisch anmutende Erlösergeste.