Von einem Schweizer Journalisten wurde Frank Castorf gefragt, warum er Schillers "Wilhelm Tell" inszeniere. Seine Antwort fiel nach Art seiner Aufführungen aus, scheinbar naiv, abstoßend ehrlich und auf eine schülerhafte Weise radikal. Er antwortete: Man habe ihn dazu eingeladen.

Der ihn einlud, Frank Baumbauer, zur Zeit in Basel (und vielleicht schon bald in Hamburg) Intendant, hätte auf die Frage, warum er dem als pubertär und als Zertrümmerer verschrienen Castorf den "Teil" überließ, vermutlich geantwortet: Schließlich feiere die Eidgenossenschaft ihr 700jähriges Jubiläum. Castorf und Baumbauer oder Die Unschuld der Profis. Nicht erst am Ende, sondern schon am Anfang schien in Basel alles, alles gut.

Aber dann fiel dieses Datum auf, der Tag der Premiere, der 8. Mai. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai (1805) starb Schiller. "Das Opfer liegt. Die Raben steigen nieder." Castorf, ein deutscher Jüngling von vierzig Jahren, beugt sich in der Todesnacht eines deutschen Klassikers über dessen letztes großes Stück: Castorf mit der Sense; Castorf mit einem Schmetterlingsnetz auf der Jagd nach Fledermäusen; Castorf, der in Ernst Jennys Basler Schiller-Ausgabe beißt. Vorspiele.

Dann kam der ominöse 8. Mai. Frei und lange "nach Schiller" beginnt Castorfs "Teil" mitten im 3. Akt, kurz vor dem Apfelschuß. In einer Gasse aus blutrotem Licht erscheint ein Schatten an der Wand, groß und schwarz. Es ist der Schatten einer Figur aus Schillers Schauspiel, und die Wand gehört zu einer dieser Theaterkisten, einem dieser Weltkartons des Bühnenbildners Hartmut Meyer: unbewohnbare, geometrische Konstruktionen aus Stellwänden und Plafonds, in die man von unten einsteigt und die man in Richtung Schnürboden nach oben verläßt, auf halbem Weg von Wer-weiß-Woher nach Wer-weiß-Wohin. Der Himmel darüber und die Hölle darunter: vermutlich auch eine Kiste, genauso kalt, kahl und leer wie die auf der Bühne.

Dem schwarzen Schatten an der roten Wand folgt bald ein Mensch. Neben diesem Schatten, den Schillers Stück in Meyers Kiste wirft, wirkt Castorfs Schauspielerin (Patrizia Schwöbel) wie ein Zwerg. Sie balanciert einen Korb mit Äpfeln vor sich her und trägt einen Dialog vor, spricht Teils Knaben Walter mit hoher, Teil mit dunkler Stimme: "Vater, ist’s wahr, daß auf dem Berge dort die Bäume bluten ..." – "Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit..." Wahrheit? "Wo sind denn hier Bäume?" fragt die Schauspielerin. Der erste Apfel fällt zu Boden und kullert an die Rampe.

Der nächste Schatten kommt, groß, schwarz und mit einer Armbrust. Castorfs Teil (Bernhard Schütz) wirkt neben diesem Schatten wie ein dummer Esel, dem unter der Mütze aus seinem Holzkopf zwei Hörner wachsen.

Abseits der roten Gasse für Schillers Gespenster hat jemand sein Bier stehenlassen, so einen Pilskelch, den man in Basel eine "Stange" nennt. Daran angelehnt: ein schwarzer Hut. "Ei, Vater", fragt das Mädchen Walter, "siehst du den Hut dort auf der Stange?" Melchthal (Siggi Schwientek) stürzt herein, hat seinen Teil nicht richtig studiert, behauptet, er habe des Kaisers Burgvogt, den Wolffenschießen erschlagen, und findet dann doch aus Baumgartens Tat zu seiner eigenen zurück.