Nein, einen Gefallen hat Rudi Schuricke den Fischern von Capri nicht getan. Seit er vor gut dreißig Jahren die rote Sonne vor Capri im Meer versinken ließ, ist auf der Insel die Hölle los.

Vorbei war es mit der beschaulichen Ruhe vergangener Tage, als weder römische Kaiser noch eine Handvoll sonnenhungriger Schriftsteller und schöngeistiger Industrieller die Capreser beim Fischen störten.

Die Schuricke-Schnulze löste eine Lawine sonnenuntergangssüchtiger Touristen aus, die bis heute täglich in Horden über die Mittelmeer-Insel herfallen. Schon seit langem versuchen die geplagten Capreser mit wechselnden und oft ungewöhnlichen Maßnahmen, Capris Image zu bewahren, das noch immer idyllische Ruhe verheißt. Doch weder der amtliche Erlaß, der das Tragen von Holzpantinen in den engen Gassen unter Strafe stellte, noch das Verbot, im Freien zu campieren oder gar mit nacktem Oberkörper herumzulaufen, konnte den Fremden die Insel verleiden. Im Gegenteil: Auf Capri wurde es immer voller.

Nun endlich, 31 Jahre nach Schuricke, hat Capris unermüdlich kämpfender Bürgermeister Federico den Touristenmassen den entscheidenden Kampf angesagt. Demnach dürfen die Besucher noch immer kommen und ihr Geld auf der Insel abliefern, das aber wesentlich schneller als bisher. Um das Sightseeing zu beschleunigen, erfand der Inselchef das Halteverbot für Pauschaltouristen.

Mehr als tausend Mark Bußgeld dürfen die Inselpolizisten künftig von trödelnden Gruppenreisenden kassieren. Auf der berühmten Piazzetta und in den verwinkelten Altstadtgassen heißt es fortan: kommen, gucken, weitergehen, die Stoppuhr läuft. Die Polizisten sollen dafür sorgen, daß sich der stete Strom der Reisegruppen ohne Stockungen durch die Straßen wälzt.

Schon aber, so wird auf Capri gemunkelt, brütet Bürgermeister Federico an einem wegweisenden Gesamtkonzept, das nicht nur die Geschwindigkeit der Touristen regelt, sondern auch die optimale Verweildauer auf der Insel festlegt. Eine einfache Formel könnte Federico helfen: Setzt man die Insellänge von rund sechs Kilometern in Relation mit der Geschwindigkeit eines trainierten Joggers, könnte der Durchschnittsaufenthalt auf Capri demnächst auf dreißig Minuten reduziert werden.

Um sich nicht länger den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, wie denn der optimale Capri-Urlauber aussehen sollte, könnte der findige Bürgermeister noch einmal bei Schuricke reinhören. Da heißt es in der zweiten Strophe: „Ruhelos und klein, was mag das sein, was zieht so spät nachts umher?“ Die Lösung liegt auf der Hand. Es kann sich nur um eine japanische Reisegruppe handeln, die kurz vor Sonnenuntergang geordnet joggend die Insel umrundet. Caroline Mascher