ZDF, 20. Mai, 9.05 Uhr: "Gier" ("Greed"), ein Erich-von-Stroheim-Film von 1923, deutsche Erstaufführung in der rekonstruierten Fassung

Geldgier, Liebe, Rachsucht – ungebremste Leidenschaften in einem amerikanischen Stummfilm. Dazu die rekonstruierte Premierenmusik des aus Schlesien stammenden Komponisten Leo A. Kempinski. Regie führte der Österreicher Erich von Stroheim, als er in Amerika schon einen Namen beim Filmpublikum hatte. Diesen Film hielt er für seinen größten; beim Publikum fiel er allerdings durch.

Der Stummfilm und die ungebremsten Leidenschaften: gehört das zusammen? Hat das seine Logik, daß ihre Stummheit die Akteure nicht nur zu überschwenglicher Gebärde nötigt, daß mehr noch das, was nie ausgesprochen werden kann, in guten Stummfilmen eine ganz eigene Dynamik entwickelt? Eine Dynamik vorsprachlicher Kommunikation: wo Menschen es einander zeigen wollen und zeigen müssen. Und ES kommt dann eben auch recht pur zum Vorschein.

Lange Konversation mit Schrifteinblendungen – das macht jeden Stummfilm kaputt. Im Stummfilm kann eben nicht gesprochen werden. Da darf auch nicht gesprochen werden. Das Gesprochene gehört nicht dazu. Es wirkt ungefähr so unpassend, wie Sprechtexte in einer Oper. Wenn im Stummfilm geredet wird, dann ist es nicht um des Redens, sondern um dieser hilflosen Gebärde, um dieser alptraumhaften Ohnmacht willen: zu reden und keinen Laut hervorzubringen. Es ist wie der stumme Schrei von Fischen, die sich im Trockenen winden. Der Stummfilm redet mit Musik und mit Gebärden; und beides treibt die Handlung in eine ganz bestimmte Richtung.

Es treibt sie auf den Gipfel des Mißverständnisses und der Verständnislosigkeit. Auf den Gipfel der Gier, des Hasses und der Angst. Die Sprachlosigkeit treibt in eine handgreifliche Dramatik hinein, wo nichts mehr zu schlichten und zu klären ist. Am Ende dieses Films steht ein unschuldiger Mörder in der Wüste, festgekettet an sein Handgelenk der Mann, den er töten mußte, um sich zu befreien. Und wie das Blut des Toten läuft der letzte Wasservorrat in den Sand ... Könnte es sein, daß so große Bild-Metaphern im Stummfilm eher gelingen, weil sie nicht ausgesprochen werden können?

Wenn wir lange nicht sprechen und lange nicht reden hören, wird eine andere Sprache laut. Wenn wir ihr lange genug zuhören, wird uns unheimlich. Haben wir Mut genug zur Stille, begeben wir uns in die eigene Stummfilmwelt, wo die Menschen große Augen und Münder haben und so bedrohliche Finger, wo sie sich biegsam wie Schlangen umeinander winden, wo sie sich aneinander festsaugen und einander meuchlings erschlagen.

Ungebremste Leidenschaft – ein einziges Wort machte sie lächerlich. Worte können vermitteln, sie können vereiteln und verhindern. Worte kann man verstehen und verdrehen. Worte können allemal ein Ende machen. Aber keinen Anfang.