Wenn die Leute wirklich Bescheid wüßten, wäre der Krieg morgen zu Ende“ – dies vertraute der englische Premier Lloyd George dem Herausgeber des Manchester Guardian im Ersten Weltkrieg an. Dafür, daß die Leute nicht Bescheid wußten, sorgte die Kriegspropaganda, die Schwester der Militärzensur. Wie das funktionierte, welche Mechanismen der Beeinflussung und der Irreführung der Öffentlichkeit ersonnen wurden, das schildern die britischen Historiker Michael L. Sanders und Philip M. Taylor in ihrer – auf unveröffentlichten Akten des Public Record Office in London gestützten – Untersuchung. Im einzelnen beschreiben sie die Organisation der britischen Propaganda zwischen 1914 und 1918, die Methoden ihrer Verbreitung und schließlich ihre Wirkung im In- und Ausland. Besonderes Augenmerk richten die Autoren auf den Film, der damals als neues Medium in der Propagandaschlacht zum Einsatz kam. So trug der 1918 gedrehte Streifen „Once a Hun Always a Hun“ wie kein anderer dazu bei, das Bild von den Deutschen als einem blutrünstigen Barbarenvolk zu verfestigen, dem alle nur denkbaren Grausamkeiten unterstellt wurden: etwa, daß sie in Belgien Kindern die Hände abhackten oder die Leichen gegnerischer Soldaten zu Seife verwerteten. Diese Greuelpropaganda hatte, Fluch der bösen Tat, insofern eine unbeabsichtigte Spätfolge, als sie im Zweiten Weltkrieg die Bereitschaft der britischen und auch der deutschen Öffentlichkeit herabsetzte, den Nachrichten über den Holocaust an den europäischen Juden Glauben zu schenken.

Volker Ullrich

  • M.L. Sanders/Philip M. Taylor:

Britische Propaganda im Ersten Weltkrieg 1914-1918

Colloquium Verlag, Berlin 1990; 265 S., 78,– DM