Im Jahre 1989 starb in New York ein Autofahrer, nachdem ihm auf der Roosevelt-Brücke ein abgebrochener Betonbrocken in die Frontscheibe gefallen war. Der Schaden an der Brücke wurde nur notdürftig repariert. Der Metropole, die mit einem horrenden Budgetdefizit zu kämpfen hat, ging nämlich das Geld aus. Tote mußten zwar nicht mehr beklagt werden – aber New York droht, so der Gewerkschaftsführer und Straßenbau-Ingenieur Louis Albano, „der absolute Verkehrsinfarkt“. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr die Mittel für den Ausbau von Straßen und Brücken um ein Fünftel gekürzt.

Wie der Millionenstadt geht es weiten Teilen der Vereinigten Staaten. Vierzig Prozent der Autobahnen sind in einem beklagenswerten Zustand; Verkehrsstaus wurden vor allem in den Großstädten zur Regel. 240 000 Brücken müßten repariert werden. Flughäfen sind überfüllt. Den Preis für die marode Infrastruktur zahlt die Wirtschaft des Landes: Experten schätzen, daß allein im inneramerikanischen Handel durch Verspätungen jährlich 35 Milliarden Dollar verlorengehen.

Aber auch das internationale Geschäft leidet unter der schlechten Infrastruktur. „Wenn andere Nationen Produkte schneller transportieren können, sind wir weniger konkurrenzfähig“, meint Clyde Prestowitz, Chef des Economy Strategy Institute in Washington. „Ausbleibende Investitionen in die Infrastruktur bedeuten wirtschaftlichen Abstieg“, erklärte auch Verkehrsminister Samuel Skinner.

Doch trotz dieser Einsicht gibt keine andere große Industrienation so wenig Geld für den Bau und Unterhalt von Straßen, Flughäfen und Eisenbahnen aus wie Amerika. In den sechziger Jahren flössen noch vier Prozent des Bruttosozialproduktes in die Verbesserung der Infrastruktur, heute sind es weniger als zwei Prozent. Nach Ansicht des Ökonomen David Aschauer ist dies auch ein wichtiger Grund für das geringe Produktivitätswachstum der US-Wirtschaft. Wären die Staatsausgaben für die Infrastruktur auf ihrem historischen Stand geblieben, so Aschauer, könnte das Wachstum der Produktivität heute um fünfzig Prozent höher sein.

Eine schnelle Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht. Zwar hat die Bundesregierung einen 105 Milliarden Dollar teuren Fünfjahresplan vorgelegt, der unter dem Motto „Ausbau statt Neubau“ steht. Aber angesichts der Tatsache, daß allein die Reparatur der Brücken insgesamt 50 Milliarden Dollar und der Erhalt der Autobahnen jährlich 35 Milliarden Dollar kosten dürfte, reicht diese Summe bei weitem nicht aus. Und eine kräftige Erhöhung der Benzinsteuer zur Finanzierung von Investitionen läßt sich politisch nicht durchsetzen.

Amerikas Autofahrer werden sich deshalb auch weiterhin durch Staus und tiefe Schlaglöcher quälen müssen. Daß viele Straßen so schlecht sind, liegt auch an der Rückständigkeit der Straßenbauer. „Wenn ihre Technik besser ist als unsere, esse ich meinen Hut“, beschreibt Wayne Muri, Chefingenieur der Autobahnbehörde im Bundesstaat Missouri, seine Einstellung, die er vor einer Informationsreise durch Deutschland, Frankreich und Schweden im Herbst 1990 noch hatte. „Ich kam ohne Hut zurück“, bekennt er mittlerweile. ten