Ein Essay von Anke Martiny

Wir haben wieder Männerzeit. Ein schrecklicher Krieg, der weder Mensch noch Natur verschonte, zeigte uns sein Männergesicht – entschlossen, staatsmännisch, finster, diplomatisch glatt, zum Sterben und Foltern bereit. Männer in Uniform, Männer an Konferenztischen, Männer hinter Mikrophonen, Männer, die Saddam Hussein umjubeln.

Männerzeit.

Männerzeit auch im größeren Deutschland. Jetzt wird mit Entschiedenheit regiert, organisiert, aufgebaut, strukturiert, umgeschult, eingestellt, aufgedeckt, verfolgt, gebucht, abgewickelt, beschleunigt und in jeder sonstigen Weise gehandelt – oder wenigstens so getan. Die Zeit der Runden Tische, der verstörten Nachdenklichkeit, der offenen Hoffnung, des großen Palavers, des mutigvorsichtigen Aufbruchs, der zögernden Ungewißheit ist vorbei. Männerwerte gelten jetzt: Aktivität, Klarheit und Übersicht, Entscheidungsfreude, Risikobereitschaft. Zwar sind die Ergebnisse – siehe Regierungsbildung in Bonn, siehe das Hin und Her um die Steuererhöhungen – oft so überzeugend nicht, aber die Normen stimmen wieder. Endlich nicht mehr dieses grüne Weibergelaber – die Grünen in alter Formation gehören dem Parlament ja auch nicht mehr an –, endlich Schluß mit diesem Gerede von Basisdemokratie („Wir sind das Volk!“, wo kämen wir denn da hin!). Ergebnisse will es sehen, das deutsche Michelmännchen, und zwar schnell – wie nichtig oder künstlich aufgebläht sie auch immer sein mögen. Jeder F ... ein Donnerschlag, so ist man’s gewöhnt.

Daß der Weg zum Ziel, der Prozeß, der Hintergrund, die Schwierigkeiten bei der Annäherung unterschiedlicher Standpunkte ihre eigene Qualität haben, daß diese erst das sind, was wir politische Kultur nennen, interessiert derzeit nicht. Moderato ist für die Politik, so scheint es, kein angemessenes Tempo; hier heißt es immer Allegro energico.

II.

Warum ist das eigentlich so, daß in Kriegs- und Krisenzeiten – für die Staaten meist eher restaurative Perioden – die sichtbare, aktive Frauenbeteiligung schwindet? Wie erklärt es sich zum Beispiel jetzt, daß von der Generation der 35- bis 55jährigen Frauen, die doch in den beiden deutschen Halbstaaten gute Ausbildungen genossen und sich beruflich recht ordentlich durchgeboxt haben, derzeit vergleichsweise immer noch so wenige öffentlich als Handelnde sichtbar sind? Selbstkritisch gefragt: Warum lassen wir Frauen uns immer wieder zurückdrängen aus der Öffentlichkeit und aus den Positionen, von denen aus wir „unsere“ Politik formuliert und für die praktische Umsetzung vorbereitet hatten?