DIE ZEIT: Woher kam die Idee, ein Projekt mit und zwischen zwei Ländern, in Japan und Amerika, zu machen?

CHRISTO: Wir haben es hier mit den zwei reichsten Nationen der Welt zu tun, außerdem mit einer seltsamen Haßliebe zwischen Japan und der westlichen Welt, besonders Amerika. Seit langer Zeit schon gibt es diese Faszination und diese Reibungen, diese Bewunderung und Abneigung. Amerika, besonders Kalifornien ist seit Jahrzehnten ein von Asiaten favorisiertes Einwanderungsland – die hier übrigens offiziell nicht mehr zu den Minoritäten gezählt werden. Es gibt, in Japan wie in Kalifornien, die Identität des „Pacific rim“, die Gemeinsamkeit der Anrainer des Pazifiks. Das Projekt reflektiert auch die westliche Wahrnehmung der ungeheuren Ressourcen in Asien, der technischen Fähigkeiten und technologischen Entwicklungen. Es gibt große Ähnlichkeiten zwischen Kalifornien und Japan – zum Beispiel die Leidenschaft für Autos und neue Technologien. Und es gibt gewaltige Unterschiede, vor allem kultureller Art. Diese Situation, diese gemeinsame und gleichzeitig widersprüchliche Energie sichtbar zu machen, ist die Idee, das Ziel dieses Projektes.

Was haben Sie im Laufe dieser Arbeit, die sich ja über sieben Jahre hingezogen hat, über dieses Thema gelernt, und werden diese Erfahrungen im „Umbrellas“-Projekt auch für andere zu sehen und zu erleben sein?

CHRISTO: In Japan, das ich 1970 zum erstenmal und dann immer wieder gelegentlich besucht habe, haben wir ein Stück Land ausgesucht, 18 mal 2,5 Kilometer groß, das 453 Bauern gehört. In Kalifornien, das ich seit dem „Running Fence“-Projekt von 1976 ziemlich gut kenne, haben wir ein Stück Land ausgesucht, das 26 mal 2,5 Kilometer groß ist und 28 Bauern und einem Großgrundbesitzer gehört. Schon aus diesen Zahlen bekommt man ein Gefühl dafür, daß der Grund und Boden in Japan in viel kleinere Flächen aufgeteilt, also viel kostbarer ist und intensiver genutzt wird als in Kalifornien. Übrigens haben wir in Japan die Erlaubnis zu dem Projekt und der Aufstellung der Schirme nur deshalb bekommen, weil die Schirme dort als Häuser figurieren. Wir stellen dort also 1340 Häuser auf. In Japan ist alles eine Frage der Nutzung des Raumes.

Diese Unterschiede in der geographischen Ökonomie werden natürlich auch sichtbar. Die bis ins letzte kontrollierte und reglementierte Landschaft in Japan erforderte eine dementsprechende Anordnung und Aufstellung der Schirme. Sie folgen einer präzisen Geometrie des Raumes, der Bewässerungsanlagen, dem Muster der Reisfelder, der Form des Quadrats. In Kalifornien hingegen hat man den unendlichen Raum, die Weite, das Leben im Freien, unbegrenzt und sonnenbeschienen. Und so ist die Struktur der Arbeit dort freier, launischer, unberechenbarer, den Spuren und Figurationen der Natur mehr folgend als den Mustern der Menschen. Die „Umbrellas“ in Kalifornien sehen in ihrer Gesamtheit den Ästen eines Baumes sehr ähnlich.

Sie hatten bei der Vorbereitung des Projekts nicht nur mit zwei Geographien und der dazugehörigen Geschichte zu tun, sondern auch mit zwei Mentalitäten. Wie lief das ab, hier und dort?

CHRISTO: Als wir nach Japan kamen, um uns die Zustimmung der Grundstückseigentümer zu holen, nahmen wir uns einen Führer, einen alten Mann, der mit uns von einem Grundstück zum anderen ging und uns vorstellte. Der Besitzer kam heraus, sprach mit uns, ging den halben oder ganzen Kilometer, den sein Grundstück groß war, mit uns und verabschiedete sich dann mit dem Satz: „Jetzt kann ich Sie leider nicht weiterbegleiten, denn hier ist die Grenze meines Grundstücks.“ In Kalifornien war das ganz anders: Nachdem die Farmer ihren anfänglichen Widerstand einmal aufgegeben und der Überlassung ihres Landes für die Zeit des Projekts zugestimmt hatten, war es ihnen ziemlich egal, was da wo passieren würde.