Alle Amerikaner lügen. 91 Prozent tun es regelmäßig, Männer mehr als Frauen; von Politikern erwartet man eh nichts anderes. Der Rest der Welt weiß es vielleicht noch nicht, aber die Lust an der Lüge ist inzwischen ein fester Bestandteil des amerikanischen Nationalcharakters. Diese Aussage stammt nicht etwa aus einem antiamerikanischen Pamphlet, sondern ist eines von vielen Ergebnissen einer soeben erschienenen Untersuchung zur Moral der Neuen Welt in den neunziger Jahren.

Mit der Suche nach Selbsterkenntnis plagten sich im alten Europa Philosophen und Dichter, hier sind es zwei Experten der Werbeagentur J. Walter Thompson. Es gebe, schreiben James Patterson und Peter Kim, zwar Tausende von Studien über die öffentliche Moral in den USA, aber niemand habe es je gewagt zu erforschen, was die Menschen zwischen Atlantik und Pazifik so ganz privat bei sich von sich denken. Die Werbemänner stellten in einer Woche an fünfzig strategisch wichtigen Orten einem repräsentativen Querschnitt von 2000 Personen an die 1800 Fragen. Die verlangten absolute Ehrlichkeit und versprachen zur Belohnung für den Blick hinter die Mauer der Abwehrmechanismen die wohltuende Wirkung der Katharsis. Sie wurden reichlich belohnt. „Der Tag, an dem Amerika die Wahrheit sprach“, heißt das Sittenstück, und wir, belebt vom kleinen Kitzel des Voyeurs, dürfen zuschauen.

Es gibt keine verbindliche Moral im Lande, keine Vorbilder, keine (lebendigen) Helden. Bei den Berufen, die als integer geachtet werden, steht der Feuerwehrmann an erster Stelle, der Präsident der Vereinigten Staaten landete auf Platz 28. Weniger als 24 Prozent sind bereit, für ihr Vaterland zu sterben. Die protestantische Arbeitsethik gilt als Fremdwort, und jetzt verlieren die Amerikaner auch noch den Respekt vor dem Privateigentum – sechzig Prozent stehlen am Arbeitsplatz. Auf die Frage, wie sie ihr Leben gestalten und sich selbst verwirklichen wollen, anwortete die Mehrzahl, sie möchten schlank werden und reich sein.

Fortschritte konstatieren die Sittenforscher, wenn es um letzte Lockerungen geht: „Die Amerikaner haben zunehmend weniger Hemmungen, ihre sexuellen Phantasien auszuleben.“ Abgesehen von einem Geschäftsmann, der es sich in warmem Wachs und Wackelpudding mit zwei Frauen und einem Hund wohl sein ließ, treiben’s Männer (79 Prozent) und Frauen (70 Prozent) am liebsten oral. Männer träumen von einem Harem; Frauen wünschen sich Robert Redford auf einer einsamen Insel.

Einer von sechs Amerikanern wurde als Kind mißhandelt. Gewalt gilt als eines der großen Probleme. Blutrünstig ist der Schrei nach Vergeltung. 95 Prozent wollen die Todesstrafe, einer von drei Amerikanern würde freiwillig den Schalter für den elektrischen Stuhl bedienen. Im vornehmen Beverly Hills plädierten 43 Prozent dafür, Geisteskranke zu exekutieren; über 20 Prozent würden geistig behinderte und auch zehnjährige Kriminelle hinrichten.

Die meisten Amerikaner haben erkannt, daß eine gut funktionierende Wirtschaft wichtiger ist als ein hochgerüstetes Militär, und eingesehen, daß die neue wirtschaftliche Weltmacht Japan heißt.

George Bush und seiner Regierung trauen 19 Prozent zu, bis 1993 einen funktionierenden Haushaltsplan vorzulegen, nur 12 Prozent glauben, daß Bushs Bildungsreformpläne eine Chance haben. Dagegen sind 77 Prozent davon überzeugt, daß die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, Gewalt und Kriminalität zunehmen.