Von Gerhard Prause

Von der hier vor gut einem Jahr (ZEIT Nr. 50/1989) mit viel Lob vorgestellten Brockhaus Enzyklopädie sind inzwischen vier neue Bände erschienen: 11, 12, 13 und 14, bis zum Stichwort Modus vivendi. Damit liegt nun gut die Hälfte der im Jahr 1986 gestarteten neunzehnten, völlig neu bearbeiteten Auflage der auf 24 Bände erweiterten Enzyklopädie vor, die 1994 fertig sein soll.

Der im Juni 1990 erschienene 12. Band bringt im Nachtrag notwendige Aktualisierungen zu den vorangehenden Bänden, zum Beispiel über das Ende der DDR. Den ersten Aktualisierungsnachtrag lieferte Band 6, der nächste ist erst für Band 18 vorgesehen. Da zeigt sich die Schwierigkeit, die Enzyklopädie auf aktuellem Stand zu halten, ja sie überhaupt erst einmal dahin zu bringen. Vielen ist das eine Entschuldigung dafür, daß sie sich ein solches Nachschlagewerk gar nicht erst anschaffen wollen; es sei längst überholt, bevor der letzte Band vorliege. Doch gibt es dieses Problem nicht erst in unserer schnellebigen Zeit, sondern seit eh und je, und zwar für alle Lexika. Und über den treuherzigen Faust-Schüler mit seinem naiven „...was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“ spottete schon Goethes Mephisto. Aber ein Argument gegen den Gebrauch von Lexika ist das keineswegs. Nur muß man lernen, Lexika genau und kritisch zu lesen, auch die neue Brockhaus Enzyklopädie, was einem allerdings nicht immer leichtgemacht wird.

Zum Beispiel heißt es im Band 3 unter „Friedrich I. Barbarossa (Rotbart)“: „Römischer König (1152), Kaiser (seit 1155)...“ Wer schon die 18. Auflage getrost nach Hause getragen hatte, wird hier vielleicht stutzen. Denn da hieß es unter „Friedrich, Fürsten“: „römische Kaiser und deutsche Könige“. Also damals, vor 22 Jahren wurde Barbarossa als „deutscher König und römischer Kaiser“ bezeichnet, jetzt aber als „römischer König, Kaiser“. Vielleicht ein Druckfehler? Aber bei Friedrich II. heißt es jetzt auch „römischer König“, ebenso bei Friedrich III. Waren die Friedriche gar nicht deutsche Könige, obgleich sie doch in der 18. Auflage so genannt worden waren? Ist dies vielleicht eine neue Erkenntnis der Historiker? Und gilt sie auch für unsere mittelalterlichen Heinriche, die noch 1969 als „römische Kaiser und deutsche Könige“ bezeichnet worden waren? Jetzt aber steht bei Heinrich I.: „König (seit 919)“. Und bei Heinrich II. heißt es: „König (seit 1002), Kaiser (seit 1014)“, also weder deutsch noch römisch. Aber doch, in der Randspalte sind Bildnisse, und da steht: „Heinrich II., der Heilige, Römischer Kaiser“ und unter dem anderen: „Heinrich I., Römischer König“. Dann war also Herr Heinrich, von dem wir aus der Schule wissen, er habe am Vogelherd gesessen, als ihm die Botschaft überbracht wurde, daß die deutschen Fürsten ihn zum König gewählt hatten, gar nicht deutscher, sondern römischer König?

Es ist schon recht verwirrend, aber Brockhaus gibt die Antwort, wenngleich nicht da, wo wir bisher suchten und wo sie wohl stehen müßte, sondern in Band 5, wo man sie vielleicht erst nach Jahren zufällig entdeckt, weil man dorthin nicht verwiesen wird. Da gibt es in dem 22 Seiten langen Abschnitt „Deutsche Geschichte“ eine Zusammenstellung der deutschen Könige und Kaiser und dazu (unter anderen) diese Anmerkung zu den Herrschertiteln: „Römischer König (Rex Romanorum), seit dem 11. Jahrhundert zunehmend gebräuchlich für den noch nicht zum Kaiser gekrönten Herrscher; niemals >Dt.< König.“ Besser wäre die Antwort so: Sie waren deutsche Könige, gewählt von den deutschen Fürsten, gekrönt in der Pfalzkapelle zu Aachen, und trugen den Titel Rex Romanorum. (Ob dies auch schon für Heinrich I. gilt, läßt die Enzyklopädie nicht erkennen.)

Ebensowenig läßt sie erkennen, nach welchem Prinzip Romantitel als selbständige Stichwörter aufgenommen werden: so gut wie alle von Böll, Lenz und Grass, einige von Thomas Mann (nicht „Königliche Hoheit“, nicht „Lotte in Weimar“), bisher keine von Heinrich Mann, Feuchtwanger, Fallada, Robert Walser, Thomas Bernhard, Christa Wolff, Hans Henny Jahnn, Kasimir Edschmid, Enzensberger, Martin Walser, J.M. Simmel. Auch nicht Madame de Staëls Roman „Corinna oder Italien“, der doch immerhin die Tradition klassischer Frauenromane begründete. Das Aufnehmen oder Weglassen geschieht sicherlich nach strengen Regeln, die die Lexikon-Redakteure sich zurechtgelegt haben; sie sollten sie in den „Hinweisen für den Benutzer“ offenbaren.

Neben den vierzehn Bänden liegt auch der neue Weltatlas der Brockhaus Enzyklopädie vor. Schon durch das Großformat (26 mal 37 Zentimeter) unterscheidet er sich wesentlich von seinem Vorgänger, der als „Karten“-Band in Lexikongröße die Welt nur in vielen kleinen Karten wiedergab. Die neuen großen Karten (vom Geographisch-Kartographischen Institut Meyer), viele noch dazu herausklappbar, ermöglichen gute Überblicke. Und in ausführlichen Texten werden geologische und geophysikalische, Klima- und Vegetationsfragen behandelt. Das sind zweifellos erfreuliche Fortschritte. Doch wurden auch Rückschritte gemacht, indem man zum Beispiel auf die alten „Karten der Hauptreisegebiete“, die recht praktisch waren, verzichtete, statt sie im Gegenteil zu vermehren. Und ob das mit dem Weltatlas angestrebte Ziel erreicht wurde, wird erst die Praxis erweisen; im Vorwort heißt es: „Das in der Brockhaus Enzyklopädie in Text und Bild erfaßte Wissen unserer Zeit wird zum allumfassenden Kommunikationsmittel, wenn es mit Hilfe von erdumspannenden Karten zuverlässig lokalisiert werden kann.“