Von Mathias Greffrath

Am Röhrchen hängt das Mausemännchen, macht Klimmzug und zeigt, was es zum Männchen macht. Das Zeitungsphoto verkündet die Sensation: Den Gentechnikern ist es gelungen, aus einer Maus einen Mäuserich zu machen. Im "transatlantischen Rennen" um die Entdeckung des geschlechtsbestimmenden Faktors ist es britischen Forschern gelungen, auf dem langen Doppelfaden des Y-Chromosoms den winzigen Abschnitt zu isolieren, der am zwölften Lebenstag das Wachstum der Hoden in Gang setzt. Sie injizieren das DNA-Stückchen in befruchtete Mäuse-Eier, die sich "naturgemäß" zu Weibchen entwickelt hätten. Und Mäuse entstanden, die alle äußerlichen Merkmale der Männlichkeit tragen.

Der Mausemann der Genetiker ist steril. Es gehöre, so versichern uns die Wissenschaftler, doch mehr zum Männchen als der kleine genetische Schalter. Zwar kennten die Wissenschaftler auch den geschlechtsbestimmenden Faktor beim Menschen, aber es sei unmoralisch, hier zu experimentieren, und – wegen der Sterilität – auch gar nicht "praktisch".

Was da also geschehen ist, entzündet zwar unser jahrtausendealtes Interesse an der Frage, was Mann und Frau denn nun unterscheidet. Aber es hilft uns dabei nicht weiter. Es ist nur ein spektakulärer, aber kleiner Schritt bei der Erweiterung unseres Wissens über die Mechanismen im Innersten der Lebewesen, vergleichbar der Entdeckung eines Krankheitsgens. Ein Stück Neuland, gefunden durch Neugier, Ehrgeiz, faustischen Trieb. Ein schöner Erfolg.

Entwarnung also? Mitnichten. Wir wollen die Freude am Wissen, wir können sie nicht aufgeben, und Tabus kennt die moderne Welt nicht. Aber, mal abgesehen von Scheußlichkeiten, die vom Forscherdrang produziert werden, wie den Schweinen mit Menschengenen, die sich nicht auf den Beinen halten können: Legitimiert wird all dies ja nicht mit der reinen Erkenntnisfreude, sondern mit seinem Nutzen für die Menschen, dem medizinischen und dem wirtschaftlichen. Neue, gegen Unkrautvertilgungsgifte gehärtete Pflanzen haben die Gentechniker auf ihre Wunschlisten gesetzt; Kühe, die immer mehr Milch spenden, streßfreie Schweine und ölfressende Bakterien. Und am Ende der Aufklärung des menschlichen Genoms, die mit Milliardensummen betrieben wird, steht, gewollt oder nicht, das Ziel, den menschlichen Lebensprozeß steuern, Zellfunktionen nach Belieben an- und abstellen zu können – wie den Schalter in der englischen Maus.

Vielleicht wird all dies kostenträchtige Forschen zu nichts führen, weil sich, wie in der Physik, hinter jedem Elementarteilchen neue unbekannte Welten öffnen. Aber seiner inneren Logik nach ist der Fortschritt von Wissen und Machen unendlich; er zielt, wenn nicht auf die Unsterblichkeit, so doch auf die arthritis- und alzheimerfreie Langlebigkeit der Menschen. Wir werden also immer mehr Ethik-Kommissionen bekommen, die Mißbräuche verhindern sollen und Fragen beantworten: Wer soll genetische Information erhalten? Warum darf man die Leistung von Nutzpflanzen genetisch steigern, aber nicht die Intelligenz von Menschen? Wenn es legitim ist, Alkoholismus genetisch zu bekämpfen, warum dann nicht auch Glücksgefühle chemisch herstellen? Wo sind die Grenzen?

Diese Debatten werden von nun an im einzelnen geführt werden müssen. Denn die große öffentliche Diskussion über unseren Weg in die totale Machbarkeit der Natur überhaupt, die haben wir versäumt. So wie wir nie überlegt haben, ob wir den Computer, das Automobil, die Atomspaltung und den Fernseher einführen sollen. Inzwischen aber wissen wir doch: All dies sind ja nicht nur Geräte, sondern Systeme, die eben nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt, sondern unsere Art zu leben prägen – und radikal verändern. Die großen gesellschaftlichen und politischen Fragen in diesem Jahrhundert sind solche der Technikgestaltung. Souverän ist, wer über die Wahl der Technik entscheidet.