Von Ulrich Stock

Wer ist Fred Frith? Die einen fragen das, weil sie den Namen noch nie gehört haben; die anderen, weil sie "Step across the border" gesehen haben und mehr wissen wollen über diesen wunderbaren Gitarristen, Bassisten, Violinisten und Komponisten, der im Zentrum des wohl gelungensten Musikfilms der vergangenen Jahre steht.

Den einen kann geholfen werden; den anderen nicht, denn Fred Frith kommt nicht hinter seiner Musik hervor. Er kann es vielleicht auch gar nicht, weil ihre Kraft nicht sein Geheimnis, sondern das seiner Zuhörer ist. Wer nach Fred Frith fragt, muß nach sich selber fragen.

Noch bis Ende des Monats ist der in New York lebende Brite mit seiner Gruppe "Keep the Dog" auf Deutschland- und Europatournee. Das dritte Konzert, im österreichischen Lienz, war eine Katastrophe. Um halb neun, als es eigentlich losgehen sollte, war im Saal des "Creativ Centers" noch nichts fertig aufgebaut. Der Veranstalter Hans Nutschlechner, tagsüber Lehrer, machte einen unglücklichen Eindruck. Er hatte den im Vertrag zugesicherten Transformator (220 auf 110 Volt) nicht besorgt, und so konnte einer der sechs Musiker, Bob Ostertag, sein Sampling-Keyboard nicht anschließen. Sollte man unverrichteter Dinge wieder abreisen? Das würde auf die Band zurückfallen. Fred Frith entschied sich, mit einer Solo-Improvisation zu beginnen. Er legte die Gitarre auf die Knie und spielte, wie ihm zumute war, mit Drähten, Bürsten, Plastikteilen, einem Geigenbogen bearbeitete er die Saiten, was ein in Osttirol bislang nicht gehörtes Jaulen und Krachen verursachte. Dazu schmatzte und schlabberte er ins Mikrophon.

Dann fiel der Strom aus. Der ganze Saal war schwarze Nacht. Außer Stühlerücken und Gemurmel war nichts mehr zu hören. Irgend jemand drehte die Sicherung wieder rein, und gleich ging es weiter. Fred muß im Dunkeln schon mit beiden Händen auf dem Griffbrett getrommelt haben; jetzt schiebt er einen Stock zwischen die Saiten, reißt ihn hin und her, läßt die Füße über sechs Pedale fahren und streckt die Zunge weit heraus.

Das Publikum weiß nicht recht, wie es die Angelegenheit zu deuten hat; Lächeln hier, gerunzelte Stirnen dort, Gelächter auch. Fred läßt seine Gitarre lachen und ahmt das Geplapper im Saale nach, spielt Melodien durch rhythmisches Verdrehen der Knöpfe am Gitarrenhals, peitscht mit einem Handtuch auf die Saiten ein, hält ein Taschenradio an die Tonabnehmer, so daß dessen Zwwpllgrrschlggg durch die Anlage jagt, und endet schließlich in zwölf Gongschlägen.

Ein junger Mann in der ersten Reihe ruft: "Das hat doch mit Musik nichts zu tun!" Hans Nutschlechner ist nicht unzufrieden: "Das ist wirklich die Alternative zum Eurovisions-Kontest. Und als solche war’s ja geplant."