Von Michael Naumann

Eine wahre Geschichte kann so anfangen, und diese endete jüngst auch so: Unter dem üppigen Bronze-Torso eines nackten Mädchens sitzt der 71jährige Gründer der Zeitschrift Monat, Melvin J. Lasky. Vor ihm, im angedeuteten Kniefall – die Wiedervereinigung vereinigt das Unvereinbare –, hat sich der Philosoph, Konspirateur und fellow traveler seiner selbst, der ostdeutsche Autor Wolfgang Harich, acht Jahre Bautzen, fünfzig Jahre Marxismus-Leninismus, positioniert. Beide sind Gäste des feinsinnigen Berliner Gastgebers Nicolas Sombart, und Harich sagt: "Lasky, der Krieg ist aus, du hast gewonnen."

Damit erst war der Kalte Krieg wirklich beendet. Gysi mag die PDS zu Godesberger Ufern führen, Blüm den alten Marx mit Herzjesu-Anrufungen vollends austreiben, aber die eigentliche Debatte des 20. Jahrhunderts, das wollte Harich wohl sagen, nämlich die um Freiheit versus Gleichheit, Selbstbestimmung versus Kollektivismus, Gerechtigkeit versus Parteilichkeit, Planwirtschaft versus Marktwirtschaft, Kommunismus versus Kapitalismus – diese Ideenschlacht des Kalten Krieges ist vorüber, gottlob, und der Berliner Amerikaner aus New York, Lasky, hatte jahrelang im Monat und später in der Zeitschrift Encounter die siegreichen Diskutanten angeführt: François Bondy, Ignacio Silone, Arthur Koestler, Milovan Djilas, Hugh Thomas, Leszek Kolakowski – ihre vielen klugen Artikel im Besitz eines gulagbedrohten sowjetischen Samisdat-Dissidenten addierten sich allemal zur Gefahr lebenslänglicher Gefängnishaft. Der Preis der Wahrheit war im östlichen Teil Europas so konkret wie die gefälligen Träume sozialistischer Utopie im westlichen risikolos.

Doch für Lasky hat sich die Stunde des Sieges, welche dialektische Summe aller Kapitalismus-Analysen von links, als publizistische Niederlage angekündigt. Seit 1958 leitete der amerikanische Redakteur, der 1945 als einer der ersten die Finsternis von Dachau vorfand, die englische Monatszeitschrift Encounter: 20 000 Käufer und Abonnenten warteten etwa zwei Monate lang vergeblich auf die Februar-Ausgabe. Der Zentralorgan des europäischen Common sense, einst linksliberal, mit den Jahren konservativer, immer aber antikommunistisch und europäisch-zivilisiert, ist gestorben. Rigor mortis. Ein schlechter Sieg, Harich kann sich ins Fäustchen lachen.

Melvin J. Lasky wohnt heute in der Mommsenstraße in Berlin – ein Jahr im Berliner Wissenschaftskolleg hatte ihn in die Stadt zurückgeführt, in der er 1948 den Monat gegründet hatte. Seine Frau, die Schriftstellerin Helga Hegewisch, die seit zwei Jahrzehnten die unbedingte, ungebrochene Existenz Laskys als eines der großen, letzten europäischen Homme de lettres in liebevoller Sorge und mit ausgleichender Vermittlung ermöglicht hatte, herrscht nun über eine weiträumige Wohnung. Deren zerebrales Zentrum, Laskys Arbeitszimmer, sieht aus wie einst die Encounter-Redaktion in Londons St. Martin’s Lane: chaotisch. Auf den wenigen freien Flecken Bilderrahmen: MJL und Willy Brandt, MJL und Ernst Reuter, allein und in ganzer Pracht der ordensgeschmückte Oberst Tjulpanow, Laskys Intimfeind. Man sah sich ein- oder zweimal im Berlin der Trümmerjahre, ehe der Amerikaner 1958 nach London retirierte, um den Encounter zu retten: ein Magazin, im Jahr von Stalins Tod, 1953, gegründet, das sich dem lesenden, aber bequemen britischen Bürgertum mit Beiträgen von Saul Bellow, Anthony Burgess und Albert Camus suspekt machte.

Politisch lag es bis in die späten sechziger Jahre auf eher linkem Kurs, ideologisch angeführt von Labours ambitioniertem Gehirntier Tony Crosland – Oxford-Don, Minister, Nationalökonom. Alsbald aber hatte sich der Encounter unter den Vorwürfen zu ducken, von der CIA mitfinanziert worden zu sein (wie einst auch der Monat, einige deutsche Gewerkschaften und Sozialdemokraten von Rang – ein unabgeschlossenes Kapitel...). Lasky zuckt angesichts dieser alten Geschichten mit den Schultern: "Wir wurden im Lauf der Jahrzehnte von verschiedensten Mäzenen unterstützt – exzentrischen Millionären, Pressezaren, Geheimdiensten, kleinen alten Damen in Tennis-Schuhen. Aber niemand hat sich in unsere redaktionelle Arbeit eingemischt." Ein Günter Grass, ein Sacharow, ein Václav Havel wären auch kaum "redigierbar" gewesen...

Zuletzt akkumulierte der Encounter Schulden von über 100 000 Pfund. Einer der Hauptgönner wandte sich ab, um fortan die Krebsforschung zu unterstützen. Die Drucker stornierten die Rechnungen nicht mehr, das Ende kam mit Rechtsanwälten, die vierköpfige Redaktion verließ der Mut...