Von Klemens Polatschek

Am Anfang verzierten sie die U-Bahn in New York, und nun die ganze Welt. Graffiti sind universal geworden; kein Brückenpfeiler und kein Waggon kann noch davor sicher sein, knallbunt besprüht das Licht des neuen Tages zu erblicken.

Bevor nun wieder das Geschrei losgeht, das sei alles nur Schmiererei: Ein Graffito mittels Lacksprühdose herzustellen ist keineswegs so einfach. Eher scheint darin die Qualität eines schamanistischen Rituals zu stecken – wenn wir etwa den Beobachtungen bei Barry und seinen Sprüherkollegen vertrauen wollen. Eine ganz legale Aktion: Ein Museum hat ihnen Leinwände und Dosen zur Verfügung gestellt, und nun sprühen sie da im Hof des Ausstellungsbaues das, was sonst im Schutz der Dunkelheit entsteht.

Barry beginnt damit, daß er sich auf den Boden hockt, sechs Schritt von der Leinwand entfernt. "Junkstil" steht da im Umriß; riesige stilisierte Buchstaben, die er mit der gelben Spraydose vor ein paar Tagen schon skizziert hat. Wie weiter? Barry hockt und schaut. Er steht auf und wandert zu seiner Tasche, fischt eine Sonnenbrille und einen Walkman heraus. Er geht zurück; er entknotet das Kopfhörerkabel, verstaut den Walkman in der Hose.

Barry hockt sich wieder hin. Dann ein paar Schritte zum Bild. Wieder zurück. Hocken. Schauen. Na? Er geht zu seiner Tasche mit den klappernden Sprühdosen – und holt einen Atemfilter heraus, legt ihn an, das obere Befestigungsband (drei Minuten), dann das untere (zweieinhalb Minuten). Ein paar Schritte. Barry hockt sich hin. Dann holt er aus der Tasche eine Kleinbildkamera, um das begonnene piece erst einmal zu dokumentieren.

Als wir von der Kaffeepause zurückkehren, hat Barry tatsächlich eine Dose in der Hand: Er hat begonnen, mit einem weißen Strahl die Buchstaben genauer zu konturieren. Graffito ist eine einzige Ökonomie der Bewegung. Jeder Strich braucht Zeit, viel Farbe geht in die Luft: ansetzen, die Dose langsam auf den Kopf stellen, warten, bis der Strahl sich verdünnt, bis die Mischung aus Farbe und Treibgas paßt für den erwünschten Effekt.

Würde im Schutze der Dunkelheit auch diese Art Farbmeditation gepflegt, hätte alle illegalen Sprayer schon die Polizei erwischt.