Von Oscar Arias

SAN JOSÉ. – Es ist eine Schande, was sich heute in Nicaragua abspielt. Das Pro-Kopf-Einkommen ist seit 1977 um die Hälfte gesunken, und die Nation zählt inzwischen zu den ärmsten Ländern der Hemisphäre. Dabei ist Nicaragua reich an natürlichen Ressourcen und fruchtbarem Ackerland. Doch eine politische und psychologische Krise verbaut alle Auswege zur Besserung.

Seit wir 1987 den Friedensplan für Mittelamerika initiierten, wurde schrittweise der Lauf der Geschichte geändert. Zum ersten Mal seit Jahren regieren gleichzeitig fünf demokratisch gewählte Staatschefs in unserer Region. Auch wenn wir nicht völlig mit den Ergebnissen des Friedensplans zufrieden sein mögen, so hat sich Mittelamerika von heute doch entscheidend gewandelt. In der Vergangenheit trafen sich die mittelamerikanischen Präsidenten, um die Amnestie für Tausende politischer Gefangener zu verkünden, den Dialog mit aufrührerischen Kräften zu fördern oder um die notwendigen Bedingungen für freie und gleiche Wahlen zu schaffen. Wenn die Präsidenten heute zusammenkommen, stehen andere Themen auf ihrer Agenda: Sie wollen den Schmerz und die Bitterkeit des Krieges begraben, um mit dem Aufbau eines neuen Mittelamerika zu beginnen, das von Demokratie, Freiheit und dem Wohlstand seiner Völker bestimmt wird.

Ich weiß, daß dieser Wohlstand nicht kommen wird, wenn wir unsere knappen Mittel weiterhin für Waffen und den Sold der Soldaten ausgeben. Seit ich nicht mehr Präsident von Costa Rica bin, habe ich mich deshalb für die Entmilitarisierung Mittelamerikas eingesetzt. Ich bin zuversichtlich, daß eines Tages die Macht des Rechts über das Recht der Macht obsiegen wird. Meine Nation hat die Erfahrung gemacht, daß die beste Antwort auf Unterentwicklung der Verzicht auf Waffen ist. Es ist an der Zeit, die Männer und Frauen zu respektieren, die den Mut und die visionäre Kraft haben, ihre Länder abzurüsten, um für eine Entwicklung in Demokratie und Freiheit zu kämpfen.

Ein Jahr nach ihrem Regierungsantritt hat Violeta Chamorro in Nicaragua eine Reihe ihrer Ziele erreicht. Ehemalige Contras sind schrittweise in die Gesellschaft integriert worden. Die Armee wurde auf ein Drittel ihrer Kriegsgröße reduziert, und das Land erfreut sich eines Friedens, wie es ihn seit vielen Jahren nicht gekannt hat. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Der Übergang von der Regierung Daniel Ortegas zu der Violeta Chamorros war nicht einfach. Die Herausforderung lautet jetzt: Demokratie in einem Land zu konsolidieren, das von Naturkatastrophen, Diktaturen und Krieg verwüstet worden ist.

Die größte Bedrohung für Nicaragua bildet heute nicht die Invasion einer Armee. Die größte Gefahr beschwören seine eigenen hungernden Kinder, die ungebildeten und arbeitslosen Bürger und die Gleichgültigkeit der internationalen Öffentlichkeit herauf. Nicaraguas ehemaliger Kampf war immer gut für Schlagzeilen. Sein neuer Kampf gegen Hunger und Armut jedoch wird keiner Nachricht mehr für wert gehalten. Inzwischen hat sich die Aufmerksamkeit der Welt dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa zugewandt, dem möglichen Zerfall der Sowjetunion, dem Konflikt im Mittleren Osten und dem nötigen Wiederaufbau Kuwaits.

Es ist ungerecht, daß die junge nicaraguanische Demokratie, die um den Preis enormen Leidens erkämpft worden ist, jetzt durch akute ökonomische und politische Instabilität bedroht ist. Gäbe es die Bereitschaft, Nicaragua mit Geld in einer Größenordnung zu helfen, wie es in wenigen Sekunden während des Golfkriegs ausgegeben wurde, dann hätte Nicaragua, wie alle Länder der Dritten Welt, einen Grund, an die Menschlichkeit und an eine bessere Zukunft zu glauben.