Europäische Forscher setzen Maßstäbe

Von Franz Miller

Digitale Technik hat Schallplatten und Tonbänder vom Knistern, Knacken und Rauschen befreit und sorgt in den Entwicklungslabors längst für gestochen scharfe, flimmerfreie Fernsehbilder. Künftig geht es auch dem zischenden und krächzenden Dampfradio an den Kragen: Noch in diesem Jahrzehnt soll absolut rauschfreier Rundfunk Autofahrer und Hausmänner entzücken. Langfristig wird das bewährte UKW-Radio seiner digitalen Variante ebenso weichen müssen wie die schwarzen Kunststoffplatten den silbrig glitzernden Compact-Discs (CDs).

Bereits ist. kristallklare Musik aus dem Autoradio kein Wunschtraum orbitaler Satellitentechnik mehr, sondern irdische Realität – wenn auch zur Zeit noch allein zu Testzwecken. Auf dem Nürnberger Fernsehturm wurde ein Kleinsender mit einem Kilowatt Leistung installiert, der fast fünfzig Quadratkilometer mit digitalem Rundfunk versorgen kann. „Sie müssen es hören, dann werden Sie nicht mehr fragen: ‚Was bringt der digitale Rundfunk?‘ Sondern: ‚Wann gibt es solche Autoradios?‘“ Zuversichtlich laden Techniker der Grundig AG und des Erlanger Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS) zur Probefahrt ein. Und in der Tat, die noch etwas unhandliche Elektronik im Kleintransporter bringt höchste Klangqualität, kein Knacken, kein Knistern, kein Rauschen. Weder beim Fahren in Häuserschluchten noch im Tunnel gibt es Störungen.

Am digitalen Zukunftsradio bauen Wissenschaftler in aller Welt mit Hochdruck. Die Vorarbeiten sind so weit gediehen, daß der digitale Hörfunk nicht mehr ein primär technisches, sondern ein wirtschaftspolitisches Problem geworden ist. Behalten die Europäer ausnahmsweise die Führungsposition, drängen die USA nach vorn, oder überholt Japan wieder einmal alle? Zum ersten Mal in der Unterhaltungselektronik scheint es Europa – ganz im Gegenteil zur hochauflösenden Fernsehtechnik – zu gelingen, einen Weltstandard zu setzen. Im Dezember des vergangenen Jahres wurde auf einer internationalen Tagung in Berlin ein Normenvorschlag verabschiedet, in dem schon konkrete Beiträge – darin auch der Anteil des Erlanger IIS – weitgehend festgeschrieben sind. Bis Mitte des Jahres soll alles entschieden sein.

Die Entwicklung eines Standards für den digitalen Rundfunk über erdgebundene Sender, international kurz DAB (Digital Audio Broadcast) genannt, wurde von 1986 an durch die Eureka-Forschungsinitiative von der Bundesrepublik Deutschland und drei weiteren europäischen Ländern mit insgesamt vierzig Millionen Mark gefördert. Das Projekt soll Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Dann müssen aus den teuren und noch unförmigen Prototypen verkäufliche Massenprodukte entwickelt werden. Wenn alles wie geplant verläuft, werden bereits Ende 1995 UKW-Radios, die zusätzlich DAB-Chips enthalten, auf den Markt kommen.

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