Berlin besitzt als wertvollste und allgemein genossene Erbschaft aus den sechziger Jahren die Philharmonie. Dieses wunderbar bewährte Konzerthaus droht nun zur Rohbaustelle zu werden. „Instandsetzung oder Erneuerung der Decke der Philharmonie“ heißt der seit Monaten ausgetragene Streit, bei dem es um Reparatur oder Abriß im großen Konzertsaal geht.

Wien ist stolz auf den Großen Saal des Musikvereins mit seiner berühmten Akustik; aber in dem rechteckigen, geradeaus gerichteten Konzertsaal bekommt manch einer Sehnsucht nach der allumfassenden Musikhöhle in Berlin. In den Katakomben der Ircam-Studios in Paris denkt man sehnsüchtig an die lichte Weitläufigkeit der Berliner Musikfoyers. Die Philharmonie mit der „Musik im Mittelpunkt“ ist das unvergleichliche Zentrum des Berliner Musiklebens und zugleich das hervorragende Werk der Baukunst im Berlin der Nachkriegszeit. Die Vollendung „in räumlicher und technischer Hinsicht ... verdanken wir nicht zuletzt der akustischen Wissenschaft“, hatte ihr Architekt Hans Scharoun geschrieben, und „in enger Zusammenarbeit mit dem Akustiker, Professor Cremer, wurde ‚Neuland‘ erobert und erarbeitet“. Achtundzwanzig Jahre nach der Eröffnung aber ist das Baudenkmal „in technischer Hinsicht“ auch zum Streitfall der „akustischen Wissenschaft“ geworden.

Seit vier Monaten ist die Philharmonie geschlossen. Abluftrohre und -schächte durchziehen das Foyer zur Asbestsanierung, der Konzertsaal ist ausgeräumt und eingerüstet. Die technische Leitung der Philharmonie stellte eine lange Liste notwendiger „Überholungsarbeiten“ zusammen, und viele Positionen wie „Parkett im Saal erneuern, Gestühl völlig überholen, Natursteinbrüstungen und Rückwände erneuern ...“ erfordern bereits die Aufmerksamkeit des Landeskonservators. Aber die größte Sorge gilt der Decke des Konzertsaales, seit sich hier am 28. Juli 1988 etwa ein Quadratmeter Putz von der Rabitzdecke löste und zwanzig Meter tief zwischen dem – unbesetzten – Orchesterpodium und der ersten Sitzreihe aufschlug.

Die Deckenkonstruktion über dem Saal besteht aus drei Schalen, der Dach- und der Zwischendecke aus Stahlbeton und der – von der Zwischendecke abgehängten – „Drahtputzdecke“, also der Rabitzdecke. Im Zwischenraum bietet sich ein überraschendes Bild: Die Rabitzdecke hängt an zahllosen Rundeisen (Durchmesser fünf Millimeter), Laufgänge führen zwischen diesen Hängern (vier bis sechs Quadratmeter) hindurch wie durch ein Lianengewirr. Das nicht sehr reichlich vorhandene Geld hatte in den sparsamen sechziger Jahren eine spartanische Bauausführung erzwungen. Die nun dramatisch sichtbar gewordenen Schäden in der Rabitzdecke waren durch die schlechte Anordnung der Laufgänge und die umständliche Bedienung von Lampen, Mikrophonen, Lautsprechern und Scheinwerfern entstanden, Fußspuren auf der Rabitzdecke machten aber auch Fahrlässigkeit sichtbar. Die Berliner Bauverwaltung vergab den Auftrag für ein Gutachten zugleich mit der Planung für die „Erneuerung der Saaldecke“ an die Ingenieur GmbH GSE, die sogleich Abriß und, Neubau der Decke samt den schwenkbaren Lautsprechern und Beleuchterklappen plante. Edgar Wisniewski, Partner Scharouns und Architekt des Kammermusiksaals nebenan, wehrte sich gegen Verunstaltung und Zerstörung in der Philharmonie. Die Bundesanstalt für Materialprüfung wies in einem Gutachten die „Reparaturfähigkeit des Deckensystems“ nach. Der Obergutachter Max Setzer aus Essen hingegen schrieb: „Ich empfehle die Erneuerung.“ Der leitende Restaurator Rolf Wihr aus Bamberg folgerte: „Den Abriß der originalen Decke ... halte ich ... für ein Vergehen am ‚Gesamtkunstwerk Philharmonie.‘“

In den umfangreichen Gutachten und Gegengutachten geht es um die sichere Handhabung technischer Einrichtungen über der Decke und um die Sicherheit der Abhängung. Nach Durchsicht der Gutachten kommt man fast notwendig zu dem Schluß, die bestehende Decke könnte in allen Einzelheiten bis zur erforderlichen Sicherheit verbessert werden, und das schneller, billiger und ohne das Bauwerk zu beeinträchtigen. Am Ende würde auch unter einer gänzlich neuen Konstruktion wieder die Rabitzdecke mit den zwei Putzschichten hängen, deren Haftung durch „Haftzugprüfung“ zu sichern ist. Die bestehende Decke aber kann „durch bekannte handwerkliche Ausführungstechniken gesichert und erhalten werden ... ohne Gefährdung der Akustik“, bestätigt Walter Mettelsiefen, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der Handwerkskammer in Köln.

Garantieren die Konstrukteure der GSE die gleichwertige, vollkommene Akustik? Professor Cremer warnte, „daß sich bei einer Veränderung der Decke der Saal verändert, da die Decke und die Wände mitschwingen“. Das entscheidende Risiko: Die Akustik der bestehenden Decke ist bekannt und erprobt, die Akustik einer neuen Konstruktion ist ungewiß (und die ungleich schlechtere Akustik im Konzertsaal des Berliner Schauspielhauses ein unrühmliches Beispiel). Die Decke bildet im Konzertsaal der Philharmonie die größte akustisch wirksame Fläche, gerade für sie müssen also Denkmal- und Bestandschutz gelten. Jeder Abriß in der Philharmonie – von Ignoranten „Konstruktion der erneuerten Saaldecke“ genannt – hat einen Zug ins Barbarische. Die Philharmoniker, die Musikliebhaber, die Baukundigen haben Anlaß, das kostbare musikalische Gehäuse, die Philharmonie, zu verteidigen. Robert Frank