Von Jochen Steinmayr

Schwarzen Adlern gleich, wie in der biblischen Prophezeiung von der Heimkehr der Juden ins Gelobte Land, schweben die Jets in der Morgendämmerung ein. Den ungläubigen Ingenieur Michael („Mischa“) Matuschewski aus Samara an der Wolga überkam „so eine Art heiliges Gefühl“, als das Zeichen zum Anschnallen aufleuchtete und die El-Al-Maschine zur Landung auf dem Ben Gurion Airport ansetzte. Vor vierzig Jahren hatten jemenitische Juden noch geglaubt, von Riesenvögeln nach Israel getragen zu werden. Zum Entsetzen der Flugzeugbesatzungen versuchten sie, in der Kabine Feuerchen zu entzünden, um ihre Morgensuppe zu wärmen. Denn sie wähnten sich ja in Gottes Obhut.

So weit treiben es ihrem Gott entfremdete, zivilisationsgewohnte Sowjetmenschen nicht, die seit achtzehn Monaten aus Chartermaschinen quellen. Statistisch werden pro Tag fünfhundert russische Juden vor den Toren Tel Avivs in die grüne Ebene am Mittelmeer entlassen.

So auch an diesem Aprilmorgen, der heiß zu werden verspricht. Vor der Gangway warten zum Empfang eine Handvoll Offizielle in dunklen Anzügen, junge Helferinnen und Dolmetscherinnen. Schließlich ein Pulk von Rollwagen. Sie werden sich bald als wichtigstes Requisit dieser rührenden Ankunft erweisen. Denn aus dem Flugzeug, so scheint es auf den ersten Blick, quellen nicht Menschen, sondern laufende Pappkoffer, Säcke, Kisten, Schachteln, Netze und Plastiktüten. Geübt greifen die Helfer zu, wirbeln die Wägelchen herbei. Erst dann schälen sich aus der Gepäcklawine die Ankömmlinge heraus, auf den Gesichtern ein maskenhaftes Mienenspiel, das Übernächtigung und Spannung zugleich spiegelt.

Kaum einer spricht hebräisch

Kaum ihrer Lasten entbunden, formieren sich „die Russen“, als suchten sie Schutz, zu einer winterlich gekleideten Menschentraube. In holprigem Russisch spricht einer der Beamten Willkommensworte. Doch quirlige Lebendigkeit kommt erst auf, als sich die Dolmetscherinnen mit Fragen in unverkennbar gutturalem Idiom der alten Heimat auf die „Olims“ (hebräisch für Einwanderer) stürzen und verkünden, daß Freunde und Verwandte sie erst am Ausgang des Flughafens erwarten. Nun erst stemmt ein Familienvater, ein Arzt aus Armenien, seinen Jüngsten hoch und ruft auf jiddisch: „Der wird einmal Präsident hier.“ Kinder machen eine Entdeckung und rufen mit ausgestreckten Armen: „Palmen!“

Am gleichen Morgen, der Amerikas Außenminister James Baker in versandeter Friedensmission in den Mauern Jerusalems weiß, schreibt der Leitartikler der Jerusalem Post: „... sicher realisiert er (Baker), daß Gestalt und Zukunft Israels schicksalhaft nicht nur mit dem Friedensprozeß verknüpft sind, sondern ebenso mit seiner Fähigkeit, die Einwanderung und Eingliederung zu ermutigen und zu bewältigen. Die Alija ist eine monumentale Herausforderung, die weder abhängt von Abmachungen mit einer fremden Staatsmacht noch vom besonderen Interesse der Weltpresse. Sie ist ein nationales Unternehmen, das alle unsere Kräfte beansprucht, das revolutionäres Denken herausfordert, ... das die Stärke der Juden in aller Welt anfeuert angesichts der historischen Größe der Ereignisse.“