Neulich in Prag habe ich Schwejk getroffen. „Guten Tag“, sagte er, als ich gerade aus meinem Wagen stieg, den ich am Straßenrand geparkt hatte. „Guten Tag“, entgegnete ich freundlich und ging ihm entgegen. Schwejk lächelte.

„Wohin fährst du?“ fragte er in seinem unverwechselbaren Akzent und nestelte scheinbar gedankenverloren an der Brusttasche seiner Uniform herum. Es war eine graue, schon leicht abgetragene Uniform mit vielen Knöpfen und einer etwas zu kurzen Hose, die seine weißen Socken so gerade eben erreichte.

„Ich möchte zum Wenzelsplatz“, antwortete ich, „aber ich glaube, ich habe zwischendurch die Orientierung verloren.“ Schwejk lächelte wieder. Sein berühmtes schelmisch-hintergründiges Lächeln. Obwohl er selbst mit Uniformmütze einen guten Kopf kleiner war als ich, schien es mir, als sei es ein Lächeln, das von oben herab kam, durchaus nicht arrogant, nicht hochmütig, eher das Lächeln eines Schachspielers, der das Matt seines Gegners voraussieht.

„Hast du nicht gesehen großes rundes Schild?“ fragte er mich. „Da ist es“, dachte ich bei mir, „dieses ‚R‘, dieses so fremde, so eigenartig schnell dahinrollende ‚R‘.“ Allerdings verstand ich nicht, worauf Schwejk hinauswollte.

„Da drüben“, sagte er und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die Kreuzung, an der ich vor wenigen Minuten abgebogen war, „gibt es großes internationales Schild!“ – „Was für ein Schild?“ fragte ich zurück und drehte mich um. Schwejk kratzte sich am Hinterkopf. Er ließ mich spüren, daß ich viel zu lange auf der Leitung stand.

„Zeig mal Führerschein, bitte“, verordnete er, und jetzt erst begriff ich, warum er mir alle diese Fragen gestellt hatte. Schwejk war schon lange nicht mehr Soldat, sondern er verdiente inzwischen bei der städtischen Verkehrspolizei sein Geld. „Der brave Polizist Schwejk“. Die kleine Woge wehmütiger Nostalgie war noch nicht ganz abgeklungen, als Schwejk mich unvermittelt in die Wirklichkeit zurückholte: „Ja, Herr Bergmann“, stellte er fast traurig fest, nachdem er meinen Führerschein kurz angeschaut hatte, „mußt du leider bezahlen 300 Kronen Strafe.“ Und wieder rollte er das R, allerdings etwas lauter als zuvor. „... 300 Kronen Strafe...“ Eigentlich war es eher ein Poltern als ein Rollen.

Ich machte einen vorsichtigen Versuch, mich zu verteidigen. „Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe wirklich kein Schild bemerkt. An der Kreuzung, an der ich abgebogen bin, blinkte an der Ampel eigens ein grüner Pfeil für Rechtsabbieger auf.“ Schwejk zeigte sich nicht im geringsten beeindruckt. „Biegt nur Taxi, Bus oder Anwohner ab“, ließ er mich wissen. Dann gab er mir meinen Führerschein zurück und wartete auf sein Geld. Genauer: auf mein Geld.