Es regnete. Es goß in Strömen. Die Strandfeste fielen aus. Das Kinderkarussell stand still. Die Clowns und Nymphen der Croisette versteckten sich in ihren Zimmern. Die Türsteher am Festivalpalast waren beinahe freundlich. Heinz Badewitz verteilte Einladungen für ein Filmfest im Oktober: „Das fünfundzwanzigste Hof“. Für die kurze Dauer eines Tages war Cannes ein erträglicher Ort.

Dann kam die schöne Zeit zurück. Wer noch nie in Cannes war, weiß nicht, was das bedeutet. Goethe muß es immerhin geahnt haben, als er eine alte japanische Weisheit ins Deutsche übertrug: „Alles im Leben läßt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.“ In drei Tagen sah ich fünf schlechte und zwei gute Filme und einen von Akira Kurosawa. „Rhapsodie im August“ sei ein japanischer Propagandafilm, hatten ein paar amerikanische Kritiker nach der Uraufführung in Tokio geschrieben. Aha. Und deshalb soll der Film in diesem Jahr in Amerika auch nicht ins Kino kommen. Na also. Auch Amerikaner können nicht alles ertragen. Zum Beispiel die Wahrheit.

Der 9. August 1945 war ein schöner Tag in Nagasaki, ehe um 11.02 Uhr die Bombe „Little Boy“ auf die Stadt fiel. Der Ehemann von Kane hat diesen Tag nicht überlebt; er verbrannte mit seinen Schülern im Klassenzimmer. Einer von Kanes Brüdern sah zur selben Zeit ein Auge im Himmel, das auf ihn herabblickte; er malte das Auge tausendfach auf die Wände seines Zimmers, ehe er sich eines Nachts im Fluß ertränkte. Das war vor langer Zeit. Heute ist Kane eine alte Frau mit kahlem Kopf, und Nagasaki ist eine Stadt im Frieden.

„Rhapsodie im August“ spielt im August 1990, an einer Reihe von schönen Tagen, in einem Haus in den Bergen bei Nagasaki. Kane hat ihre vier Enkel in ihr Haus eingeladen, während die Eltern der Kinder in den USA sind. Dort, in Hawaii, lebt einer von Kanes Brüdern, der vor langer Zeit aus Japan ausgewandert ist. Der Bruder liegt im Sterben und schickt seinen Sohn, um Kane an sein Totenbett zu holen. Diesen Mann, einen Amerikaner, der gebrochen japanisch spricht, spielt Richard Gere. Als der Amerikaner erfährt, daß sein japanischer Onkel in Nagasaki verbrannt ist, sagt er, daß ihm das leid tue. Er geht zu der Gedenkstätte im Schulgarten in Nagasaki, an der ein vom Feuersturm verbogenes Klettergestell an den 9. August 1945 erinnert, und er nimmt an einer Totenmesse für die Opfer der Atombombe teil. Das ist der Skandal dieses Films.

Auf der Pressekonferenz in Cannes erzählte Kurosawa, was er schon in Tokio den Journalisten erzählt hatte: daß er nicht beabsichtigt habe, die amerikanische Nation für das Verbrechen von Nagasaki anzuklagen, und daß der bittere Unterton, den der fertige Film ausstrahle, ihn selber überrascht habe. Aber Kurosawa ist ein höflicher Mensch. Er wußte, was er tat, als er seinen Film drehte. Die amerikanischen Kritiker aber wissen nur, daß sie auch heute noch, fünfundvierzig Jahre später, eine Entschuldigung für den Abwurf von „Little Boy“ finden müssen. Deshalb werfen sie Kurosawa vor, daß sein Film nicht von der japanischen Schuld am Ausbruch des Krieges spricht. Aber es gibt keine Entschuldigung für Nagasaki und Hiroshima. Es gibt nur Trauer. Davon handelt „Rhapsodie im August“.

Früher hat Kurosawa im Kino von Fürsten und Königen erzählt, von Dynastien, die sich selbst auslöschten, und Reichen, die in gewaltigen Schlachten zerbrachen. Jetzt hat er über die größte von allen Katastrophen den stillsten aller Filme gedreht. Ein Blick in einen Wasserfall, die Ankunft eines Mannes am Flughafen, ein Gewitter in den Bergen – das sind die dramatischen Höhepunkte von „Rhapsodie im August“. Ein Film wie ein Gebet: ein Opfer. Kein Film für Cannes, die Hauptstadt der Hektik. Es ist kurz nach elf, an einem Mai tag im Jahr 1991. Zeit, ins Kino zu gehen. Andreas Kilb