Von Kirsten Wulf

Karin N. ist aus der Rolle gefallen. „Wie eine Pennerin!“ hat ihr Stiefvater sie angebrüllt, als sie, nach einer Zeit verzweifelten Umherziehens, wieder nach Hamburg gekommen war. In T-Shirt, Cordhose und Badelatschen hockt sie jetzt auf der Bettkante in ihrem eiskalten Hotelzimmer, kaut an einer Scheibe Weißbrot.

Ihre Behausung – drei Meter lang, eineinhalb Meter breit, Waschbecken, Schrank, Tisch, Stuhl und Bettnische auf rosengeblümtem Teppich – finanziert seit acht Monaten die Sozialbehörde. „Wie eine Pennerin“ – Karin N. wiederholt ungläubig lächelnd diesen Satz, den letzten, den sie seit einem Jahr von ihren Eltern gehört hat. „Die wollen nichts mehr von mir wissen.“

Vor zwei Jahren hatte sie es nicht mehr ausgehalten, hatte „durchgedreht“. Eine alleinstehende Mutter, arbeitslos, die für ihre Tochter Carola keinen Kindergartenplatz bekam. Die Mietschulden. Das Gezerre zwischen Sozialamt und Arbeitsamt, wer denn nun, nach einer abgebrochenen Umschulung, zahlen sollte. Schließlich Depressionen.

Eines Tages nahm sie ihr Kind, lieferte es im Rathaus ab und sagte nur: „Kümmern Sie sich darum“ – irgend jemand mußte doch helfen, In die Wohnung zurückgekehrt, begann sie, die Möbel zu zersägen. Tagelang, Stück für Stück. Die Zwangsräumung drohte. Als der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, war Karin schon unterwegs. Vier Monate lang fuhr sie mit dem Fahrrad quer durch Deutschland, von Stadt zu Stadt, von Sozialamt zu Sozialamt. Sie schlief unter Brücken und in Bahnhofsmissionen, verkaufte ihr Rad schließlich für eine ruhige Nacht im Hotel, tat sich, um auf der Straße geschützt und nicht allein zu sein, mit Männern zusammen, die ebenfalls unterwegs waren. In Unna war Schluß. Das Sozialamt bezahlte die Fahrkarte zurück nach Hamburg.

Sie legt den Kopf in den Nacken, starrt durch die Wand ihres Hotelzimmers. „Das war so etwas wie Freiheit.“ Hamburg Hauptbahnhof war Endstation, zugleich Ausgangspunkt für einen neuen Kreislauf: Sie verbrachte Nächte in Notunterkünften, in denen sie – häufig die einzige Frau im Quartier – sich vor sexuellen Belästigungen schützen mußte; sie machte Zufallsbekanntschaften, bei denen sie unterschlüpfte und von denen sie immer wieder hinausgeworfen wurde. Im Bahnhof, in der hintersten Ecke bei den Schließfächern, versuchte sie dann zu schlafen.

Sie wurde wieder schwanger, und sie wollte das Kind bekommen. Als sie im fünften Monat war, setzte der Freund sie vor die Tür, nachts auf der Reeperbahn. Sie brach zusammen, kam mit Blaulicht ins Krankenhaus. Eine Fehlgeburt.