Brasilien

Von Carl D. Goerdeler

Brasiliens Präsident Fernando Collor de Mello ist ein Meister des Kampfsportes Karate. Handkantenschläge und blitzschnelle Griffe gehören auch zu seinem Regierungsstil. Bei seinem Amtsantritt versprach er, „mit einem Pistolenschuß“ die Inflation niederzustrecken. Jetzt steht der Präsident vor einem Scherbenhaufen. Seine energische, junge Wirtschaftsministerin Zelia Cardoso verabschiedete sich aus ihrem Amt, und mit ihr gingen die wichtigsten Köpfe des Wirtschaftskabinetts sowie der Präsident der Zentralbank.

Die jüngste brasilianische Regierungskrise verlief wie nach dem Drehbuch einer der Telenovelas, die allabendlich über den Bildschirm flackern. Liebe, Machtgier und Korruption, Treueschwüre und Verrat, Herz und Schmerz. Als strahlender Held war Fernando Collor de Mello vor vierzehn Monaten angetreten. An seiner Seite die blonde, blutjunge Professorin Zelia Cardoso, die Brasilien eine Roßkur verschrieb, um die überbordende Inflation in den Griff zu bekommen. Die Sanierung begann mit einer Schocktherapie. Über Nacht konfiszierte die Regierung mehr als die Hälfte aller Spareinlagen und Spekulationsgelder. Die im Umlauf befindliche Geldmenge wurde drastisch reduziert. Gleichzeitig verkündete der Präsident ein radikales Sparprogramm für den Staat, die Entlassung von Tausenden überflüssigen Bürokraten, die Privatisierung unrentabler Staatsbetriebe und die Öffnung der Märkte. Im Ausland und in Brasilien wurden der Mut des Präsidenten und die Kompetenz seiner Ministerin in höchsten Tönen gelobt.

Bald stellte sich heraus, daß die attraktive Ministerin der einzige Mann im Kabinett war. Während der Präsident ein Feuerwerk von fernsehwirksamen Gags inszenierte, plagte sich Zelia Cardoso mit der Entrümpelung der brasilianischen Schluderwirtschaft. Doch dem Establishment paßte die bittere Medizin der Sparpolitik und Entflechtung von Kartellen, Monopolen und Privilegien nicht. Bankdirektoren, Industriekapitäne, Großgrundbesitzer und Gewerkschaftsbosse rannten der Ministerin das Büro ein, um ihre Schäfchen ins trockene zu bringen. Aber Zelia Cardoso blieb hart. Sie schickte die Lobbyisten nach Hause und ließ die Provinzpolitiker abblitzen. Mit Zelia Cardoso war nicht gut Kirschen essen, für Mauscheleien war die „eiserne Senhora“ nicht zu haben. Aber ein Herz hatte sie doch. Ausgerechnet in den verheirateten Justizminister hatte sie sich verliebt. Die Regenbogenpresse hatte ihr Thema.

Der Justizminister mußte gehen. Zelia Cardoso blieb. Doch die unglückliche Romanze hatte sie politisch angeschlagen. Ihre Reformpolitik kam nur schleppend voran, weil die Wirtschaft abblockte. Auch bei den Schuldenverhandlungen in New York zeigte sie keine glückliche Hand. Brasiliens Wirtschaft schlitterte in eine Rezession, ohne daß die Inflation völlig beseitigt worden wäre. Doch letztlich kritisierte man sie nicht wegen ihrer Politik, sondern wegen ihres kompromißlosen Stils. Seit ihrer Affäre witterten die Amigos des Präsidenten Morgenluft. An der unbeugsamen Ministerin vorbei versuchten sie beim Staatsoberhaupt direkt ihre Privilegien zu sichern. Fernando Collor de Mello beugte sich den Pressionen der Unternehmer – sie hatten ihm den Wahlkampf finanziert –, er gab aber auch den Provinzpolitikern aus dem Norden und Nordosten, den Baulöwen und der Beamtenlobby nach. Das rigide Sanierungsprogramm wurde durch präsidentiale Ausnahmeregelungen weiter verwässert. Die Wirtschaftsministerin und ihre Mannschaft wurden mehr und mehr vor vollendete Tatsachen gestellt.

Zelia Cardoso und die meisten ihrer Mitarbeiter waren ohne politische Erfahrungen in ihre Ämter gekommen. Intellektuell brillant und offen für kontroverse Debatten, reagierten sie hilflos in der Gerüchteküche der Hauptstadt und in den Hinterzimmern der Politik. Mit dieser Frau konnte man einfach nicht ins Geschäft kommen. Die Mannhaftigkeit der Ministerin wurde ihr zum Verhängnis. Es entsprach ihrer Art, selber daraus die Konsequenzen zu ziehen – und um Entlassung aus dem Amt zu bitten.