Von Helmut Schmidt

Es wird uns zugemutet, dauernd nur zuzuhören. Dauernd wird uns suggeriert, wir könnten nichts und hätten alles falsch gemacht. Ausschließlich wir seien es, die etwas zu lernen haben; denn alle unsere Erfahrungen gehörten auf den Müllhaufen. Es lohnt sich offenbar nicht hinzuhören, wenn auch wir etwas sagen. Aber wir können diese permanente Besserwisserei und die demütigende Behandlung als unmündige Versager nicht verkraften."

Dies alles sind Worte aus dem jüngsten Brief eines Bischofs in der ehemaligen DDR, den ich seit Jahren kenne. Er fügt an: "Wir als Kirche werden die Bitterkeit keineswegs verstärken, aber wir können sie auch nicht als Schwarzmalerei und als Larmoyanz abtun. Wir werden versuchen, den Menschen Mut zu machen ..."

Aber wem eigentlich kann es Mut machen, wenn der Bundeskanzler selbst heute noch in Halle und Erfurt seine wirtschaftlichen Illusionen verkündet? Wenn er schon bis 1994 alles zum Guten gewendet haben will? Wer wird dagegen im kommenden Winter 1991/92 den Menschen in der alten DDR Mut machen – wenn statt der neuneinhalb Millionen Menschen, die dort früher einen Arbeitsplatz hatten, nur noch die kleinere Hälfte ihr Einkommen selbst verdienen kann und die größere Hälfte auf alle möglichen Alimentierungen aus öffentlichen Kassen angewiesen sein wird, von Arbeitslosenunterstützung, Kurzarbeitergeld, Warteschleife, ABM-Jobs bis zum Vorruhestand?

Die seelischen Auswirkungen werden tief greifen; die Enttäuschung der 1990 leichtfertig geweckten Hoffnungen wird politische Orientierungslosigkeit auslösen. Und im Westen des Vaterlandes werden viele dazu verleitet sein, den Menschen im Osten vorzuwerfen, sie seien zu harter Arbeit nicht bereit, und deshalb müsse man Schluß machen mit den großen Summen, die im Westen von den realen Einkommen abgezweigt und nach Osten transferiert werden.

Ich erhalte viele traurige Briefe. In einem heißt es: "Würdelos war das Stasi-Regime; aber würdelos sind auch die Wessis, die uns jetzt überfallen und uns ihr System überstülpen, ohne uns zu fragen. Aber im Westen hören wir: Die Ossis sind faul. Die Situation ist hoffnungslos. Eine Verschiebung ins Graue, Mutlose und Resignative. Dennoch sind wir tief dankbar, daß wir Deutsche 1989/90 einen schmalen Spalt in der Menschheitsgeschichte erwischt haben."

Die Öffnung der Mauer im November 1989 und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten binnen weniger als zwölf Monaten waren in der Tat ein unerhörter Glücksfall. Gorbatschow hat 1990 aus der Not der Sowjetunion eine Tugend gemacht. Schon heute hätte er dafür keine ausreichende politische Basis mehr. Der innere Zerfall von Staat und Wirtschaft in der Sowjetunion scheint einstweilen nur zwei Alternativen offenzulassen: entweder Chaos oder Diktatur. Oder beides zugleich. Die Auswirkungen auf Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, auf den ganzen Osten Europas können große Gefährdungen mit sich bringen. Auch uns Deutsche kann der Teufel holen, wenn wir es nicht fertigbringen, aus dem unerwarteten Glücksfall ein dauerhaftes Glück zu schmieden.