Von Anne Brunner

Als Medizinstudentin an einem der ältesten und ehrwürdigsten Krankenhäuser von Paris, Pitie-Salpetriere, lernen zu dürfen: das klingt doch vielversprechend! Und wenn auch das abzuleistende Fach Chirurgie wenig mit den noch vorhandenen Spuren von Charcot und Freud zu tun hat, so arbeitet man immerhin unter demselben Dach wie diese Analytiker der Psyche.

Aber die französischen Kollegen sind irritiert. Ist hier eine neue Invasion allemande im Gange oder ist gar mit einem Übersiedlerstrom deutscher Ärzte im Zuge der europäischen Einigung zu rechnen, welcher möglicherweise das Niveau der französischen Medizin gefährdet? Ist die medizinische Ausbildung in Deutschland so schlecht, daß deutsche Studenten nach Frankreich fliehen? Verpaßt man als Franzose vielleicht gar selbst etwas, indem man brav zu Hause studiert?

Es ist eben nicht leicht, europäisch denken zu lernen. Eine Erfahrung ganz besonderer Art erwartet die deutsche Studiosa. Frisch eingetroffen, wird sie von einem Assistenzarzt zum Mittagessen in den Speisesaal des Ärztekasinos, den solle de garde eingeladen. Sie wurde augenzwinkernd vorgewarnt, diesen Saal ohne eine Einladung nicht betreten zu dürfen, und hatte nun den Eindruck eines geheimnisvollen Einweihungsritus.

An der Tür liest sie das Schild:„INTERNAT. Defense d’entrer“. Sie tritt ein – und traut ihren Augen nicht. Sämtliche Wände voller riesengroßer pornographischer Gemälde, fresques werden sie genannt. Im Saal herrscht laute, derbe Unterhaltung, Anspielungen werden gemacht, die unter die Gürtellinie zielen, und kleine Tests, wie denn die „Neue“ wohl auf diesen Anblick reagiert.

Deren Augen schweifen weiter über die Tische: Zerbrochenes Geschirr, umgekippte Weingläser, das Weiß der Tischdecke ist kaum noch zu erkennen, halbleere Teller, übereinandergestapelt. Plötzlich fliegen Nahrungsmittel durch die Luft, als Antwort auf eine verbale Attacke. Spuren solcher fettiger Wurfgeschosse aus der französischen cuisine hängen an den Wänden und verleihen ihnen diesen speckigen Glanz. Ihr Humor versagt: Ist sie hier, so fragt sie sich, in einem Heim für verwahrloste Jugendliche gelandet?

Die Köpfe der übergroßen, (halb-)entblößten Figuren an den Wänden sind meist erkennbare Portraits der hier tätigen Ärzte, patrons, Chefärzte, nicht ausgenommen; ihre Körper in obskursten Positionen, oft im (offenen) weißen Kittel. Das Hauptinteresse des „Künstlers“ galt dem überdimensionalen Phallus, der sich auf mannigfaltige, phantasiereiche Art zu betätigen versucht und sich nicht selten auch autonom – ohne restlichen Körper – an den Wänden tummelt. Eine große Ansammlung von Phalli kreucht und fleucht also über den hier speisenden Feinschmeckern in Weiß. Vereinzelt gibt es auch Szenen, die an Vergewaltigung grenzen. Wie reagieren die hier anwesenden Mediziner und vor allem die Medizinerinnen darauf? Man spielt indifference (Gleichgültigkeit), will sich nichts anmerken lassen, eine schwierige Übung, der sich auch die deutsche Studentin krampfhaft unterzieht. Die weiblichen Kolleginnen machen eine resignierte Handbewegung – durch offene Ablehnung handele man sich Trotz, Schadenfreude oder den Vorwurf der „Prüderie“ ein, vor allem, wenn der Protest auch noch mit deutschem Akzent formuliert würde. Immerhin hat sich ein Teil dieser Kollegen die Szenen ausgedacht, extra einen Künstler beauftragt oder selbst zum Pinsel gegriffen, und man ist stolz auf seine hier ausgemalte Phantasiewelt.