Deutsche an die Front? Eine ZEIT-Serie. III. Folge

Von Dieter Buhl

Die gelegentlichen Klagen über mangelndes Interesse an der Bundesrepublik haben endgültig ihre Berechtigung verloren. Nach dem Fall der Mauer, der durch die Fernsehbilder gleichzeitig mehr Menschen bewegte als jeder andere historische Moment, garantiert jetzt das Experiment der Vereinigung den Deutschen weltweite Aufmerksamkeit. Die Emotionen der ausländischen Beobachter gleichen in ihrer Vielfalt denen der Bundesbürger. Ob Gesamtdeutschland mehr Anlaß zur Sorge oder zur Freude bietet, steht so lange dahin, wie das Ergebnis der deutsch-deutschen Synergie im dunkeln liegt.

Weil noch so viel auf dem deutschen Wege ist, fügt sich auch eine oft beschworene Erwartung zu einer Gleichung mit Unbekannten: neues Deutschland – wichtigere Rolle in der Weltpolitik? Mehr Menschen, ein größeres Land und ein höheres Sozialprodukt bedeuten nicht automatisch mehr Gewicht. Mit dem Potential, auch wenn es teilweise erst einmal durch Ostdeutschlands Wiederaufbau gebunden ist, müßte simultan der Wille zur außenpolitischen Einflußnahme wachsen. Ein verstärktes Engagement stößt jedoch bei den Deutschen in Ost (45 Prozent) und West (58 Prozent) nicht auf Gegenliebe. Es herrscht sogar Unklarheit darüber, ob überhaupt ein Nachholbedarf in Sachen Außenpolitik besteht. Die Urteile über den Weltakteur Bundesrepublik einst und jetzt verdichten sich zu Legenden, die ein vernünftiges Kalkül erschweren und den Blick in die Zukunft trüben.

Erste Legende: Die Bundesrepublik ist ein wirtschaftlichen Riese und ein politischer Zwerg. Die eingängige Formel gewinnt auch durch ständige Wiederholung nicht an Überzeugungskraft. Unsere westlichen Nachbarn etwa werden sie gewiß nicht unterschreiben. Sie haben die Bundesrepublik schon seit den fünfziger Jahren als treibende Kraft bei der europäischen Einigung erlebt – erst bei der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dann bei der Schaffung des Europäischen Währungssystems und nun beim Ringen um die Politische Union und die Wirtschafts- und Währungsunion. Die Mär vom Zwergenwuchs wird auch durch Bonns Ostpolitik widerlegt; sie war immerhin so beispielgebend, daß sie zum Leitbegriff in vielen Fremdsprachen wurde. Schließlich haben deutsche Politiker die Nachrüstung bei den Mittelstreckenraketen initiiert und durchgefochten, die letztlich zur Vernichtung dieser Waffensysteme führte. Die Beispiele lassen den gelegentlichen Mangel der deutschen Außenpolitik an Mut und Phantasie nicht vergessen. Aber wer zur Beschreibung der bundesrepublikanischen Weltrolle nur den Diminutiv bemüht, verkennt schlicht die Relevanz jeder politischen Regung des Wirtschaftsgiganten im Herzen Europas.

Zweite Legende: Ihre eingeschränkte Souveränität hat den Handlungsspielraum der Bundesrepublik begrenzt. Die Experten des Auswärtigen Amtes, die unter den Fesseln der Siegermächte am ehesten hätten leiden müssen, haben die Befreiung von den Restbeständen des alliierten Besatzungsrechts jedoch nicht als Zäsur empfunden. Jetzt gilt: Die letzten Beschränkungen der Souveränität sind mit der Vereinigung verschwunden, die deutschen Interessen aber bleiben. Sie diktieren Klugheit im Umgang mit den Amerikanern als Garanten unserer Sicherheit und mit den Sowjets als potentieller Bedrohung. Ohnehin verliert die Souveränität mit jedem Fortschritt beim supranationalen Einigungswerk der Europäer an Bedeutung.