Von Heinz Josef Herbort

Als das Gebäude am Kölner Wallrafplatz eröffnet wurde, am 21. Juni 1952, war der Stolz voll grenzenlosen Vertrauens wie das Selbstverständnis noch ohne Skepsis. Der „Nordwestdeutsche Rundfunk“ stand, ganze drei Jahre nach der Wiedervereinigung der „alten Länder“, noch unter der Verordnung der britischen Militärregierung, die altehrwürdige BBC in London vertrat schwesterlich-lehrend die Prinzipien der Demokratie und des Pluralismus, niemand brauchte das Wortungetüm „Parteienproporz“ buchstabieren zu können, und in den Redaktionen befolgte man den Appell Richard Wagners: „Kinder, schafft Neues!“ Der Standort des Funkhauses am Schnittpunkt der beiden großen Achsen der Stadt, in unmittelbarer Nähe zu Hauptbahnhof und Dom, zu Politik, Handel und Kultur, konnte zeigen: „Das Radio sollte Teil des Lebens der Menschen sein.“

Aber schon allzubald waren „Heimat und Herzstück des WDR-Radios“ nicht mehr „den heutigen Anforderungen und Vorschriften“ gemäß. Auf der einen Seite wuchs „das Haus“, wie die inzwischen öffentlich-rechtliche Anstalt sich selber anonymisiert, und wuchs und wuchs, der Moloch fraß ein Grundstück nach dem anderen, Parkinsons Gesetz arbeitete dabei kräftig mit. Auf der anderen verlangten die sozialen Besitztümer nach dieser Ausweitung, Arbeitszeitregelungen und Pensionsansprüche, die Verpolitisierung der verschiedensten Hierarchien und die Verschleierung der Niveau-Nivellierung durch immer aufwendigere Produktionsformen. „Wem hier nichts einfällt, dem ist nicht zu helfen“ – dieses Wort des damaligen Intendanten Hanns Hartmann bei der Eröffnungsfeier ist längst obsolet geworden: „Demnächst sendet die Verwaltung sich selber“ lautet heute ein hintergründiger Kalauer zu Praxis und Realität nicht nur im WDR Köln.

„... nicht mehr den heutigen Anforderungen“: In der Tat haben zunächst die Stereotechnik, dann die Digitalisierung zweimal die gesamte Produktionsweise des Hörfunks umgekrempelt – das Geräteinventar wie das Leitungsnetz, die Ästhetik wie die Ökonomie landeten auf dem Sperrmüll. Aufnahmen aus den jeweils vergangenen Epochen können nur unter dem Zusatzrubrum „Aus dem Rundfunkarchiv“ wiederholt werden. Andererseits verlangte der Denkmalschutz sein Recht: Der Große Sendesaal beispielsweise mit seiner Täfelung in Schweizer Birnbaum und Rotbuche samt den darin integrierten geschnitzten Halbrundsäulen, der Stuckkassettendecke und dem freistehenden Orgelprospekt, aber auch das Foyer mit seinen geschwungenen Treppen und der an Nierentisch-Zeiten erinnernden Front der Garderobe, den Farbglasfenstern von Georg Meistermann und den Wandmalereien durften ihr charakteristisches Aussehen nicht verlieren.

So wurde das Funkhaus „entkernt“ und neu „gefüllt“. Die Maße und Mengen, die Superlative und die stolze Zufriedenheit über das dabei Investierte imponieren – und lassen zugleich erschrecken. Die Grenzen des Wachstums sind zwar oktroyiert – die Perfektionsmentalität aber und die Selbstverständlichkeit des Geforderten machen frösteln: „Luftführungssysteme, Abluftschlitze, Entrauchungsanlagen, höhenverstellbare Beleuchtungshänger, Mikrofone und deren Windenanlagen, Lautsprecher, Kameras und Steuereinrichtungen, die sehr hohen Anforderungen an Schalldämmung und Raumakustik, alles soll nach den Vorstellungen und Planungszielen der Fachingenieure optimal und zukunftssicher eingebaut werden.“

Am leichtesten einzusehen ist dabei noch, daß der Sender die „Mitte der achtziger Jahre in der Kölner Philharmonie begonnene Linie der volldigitalen Produktionstechnik konsequent fortgesetzt“ hat. Schließlich garantiert dies „nicht nur ein Schritthalten des Hörfunks mit der Tonqualität der CD/DAT-Technik des heutigen Consumermarktes“, sondern „ermöglicht durch Abspeicherung und Wiederaufruf von einmal gefundenen Produktions-Parametereinstellungen auch äußerst wirtschaftliche Produktionsabläufe“. Wir wollen ja hier nicht nach dem Verhältnis von Musik-Eigenproduktionen und der Sendung von Industrie-Konserven fragen und auch nicht danach, ob das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester heute noch dem künstlerischen Anspruch der multimedial-elitären Konkurrenz zwischen Berlin, London, New York und Los Angeles entspricht. Verräterischer ist da schon der Hinweis auf den „Konsum“ und den „Markt“ – „Mithalten“ heißt da die Devise, und die Konsequenz fordert, da nicht das eigene Portemonnaie geplündert werden muß, „Gebührenerhöhung“. Schließlich aber: Können individuell strukturierte Musikwerke mit „einmal gefundenen Produktions-Parametern“ eingefangen und so „äußerst wirtschaftlich“ produziert werden? Sollte es, umgekehrt, an der mangelnden äußersten Wirtschaftlichkeit liegen, daß selbst beim Westdeutschen Rundfunk die eben nicht mit einmal gefundenen Parametern verfügbare Zeitgenössische Musik – gemessen an früheren Initiativen – im Hörfunk nur noch marginale, im Fernsehen sogar überhaupt keine Chancen mehr erhalten kann?

Daß eine „Direkt-indirekt-Beleuchtung“ in den Büroräumen „für Behaglichkeit“ sorgt, muß ein ZEIT-Redakteur seinen WDR-Kollegen ebenso neiden wie die Tatsache, daß der TÜV den Kölnern, anders als den Hamburgern, die Weiterverwendung eines nostalgischen Paternosters erlaubte. „Um die gesamte Versorgungstechnik, sei es Klima-, Kälte-, Heizungs-, Sanitär- und Sprinkleranlagen, unter Kontrolle halten zu können, werden von 18 computergesteuerten Unterstationen (sog. Controllern) ca. 1800 Informationspunkte auf die bestehende Überwachungsanlage aufgeschaltet“ – von der Sprachgewalt dieser Information einmal abgesehen: Sollte der Big Brother einen tatsächlich schon bis in die Sanitäranlagen verfolgen? Daß die Tonmeister die akustischen Verhältnisse eines Aufnahmestudios eher zu trocken als zu hallig wünschen, ist einsichtig: Hall ist auch künstlich zu erzeugen. Konzertbesucher freilich wie Musiker auf dem Podium litten stets unter der ärmlichen Kontur der Klänge im großen Sendesaal. Nun konnte die mittlere Nachhallzeit von 1,4 auf 1,8 Sekunden vergrößert werden, und all unser Vorstellungsvermögen wird vollauf damit beschäftigt sein, diesen Unterschied nicht nur qualitativ zu erkennen, sondern auch quantitativ zu registrieren. Die „Erfüllung von Vorschriften z. B. für die Versammlungsstätte“ etwa machte eine neue Klimazentrale notwendig, die jetzt „etwa so groß wie der darüberliegende Sendesaal und ca. 7 Meter hoch“ ist – daß es dafür, trotz „optischer Gestaltung der Luftdüsen“, wie immer schon in diesem Sendesaal an allen Plätzen „zieht“, steht auf einem anderen, „natürlich“ nicht in einer Pressemappe verteilten Blatt.