Südlich der Karawanken steht auch Europas Frieden auf dem Spiel

Von Theo Sommer

Es läßt sich nicht länger übersehen: In Europa herrscht die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Im Westen lautet die Parole: Ausgleich, Annäherung, Integration; die Europäische Gemeinschaft streitet um ihre Gesamtidentität in der Welt, nicht um die Einzelprofile ihrer Mitglieder. Im Osten hingegen dominieren Auseinandersetzung, Entfremdung, Desintegration; die verklammernde Kraft der Vielvölkerstaaten wird zerfressen von der Wucht, mit der die Einzelteile nach gesonderter Identität, nach Autonomie oder gar Loslösung drängen.

Jugoslawien bietet das akuteste Beispiel. Dort wird sich in den nächsten Tagen entscheiden, ob der südslawische Bund zerplatzt, das Land unter Kriegsrecht gestellt wird oder im Bürgerkrieg versinkt. Der Wechsel im Vorsitz des Staatspräsidiums und die für das Wochenende anberaumte Volksabstimmung über Kroatiens Unabhängigkeit sind die entscheidenden Bewährungsproben.

Warum der Konflikt? Dahinter steckt ein halbes Jahrtausend unterschiedlicher geschichtlicher Prägung: lateinisch-katholisch-habsburgisch die der Slowenen und Kroaten, kyrillisch-orthodox-osmanisch die der Serben. Dahinter steckt das Wohlstandsgefälle von Nordwest nach Südost, der Zusammenprall der Marktwirtschaftler in Ljubljana und Zagreb mit der noch immer auf die Zentralverwaltungswirtschaft erpichten Führung in Belgrad. Und dahinter steckt schließlich schierer Haß.

Aus der Gemengelage der Völker ergibt sich ein hochexplosives Gemisch. Im Zweiten Weltkrieg hat es sich schon einmal entladen; Hunderttausende fielen damals der grausamen Fehde zwischen kroatischen Ustaschen und serbischen Tschetniks zum Opfer. Die grausigen Bilder von Borovo Selo – wo unlängst serbische Zivilisten zwölf kroatische Polizisten umbrachten und atavistisch verstümmelten – geben einen schlimmen Vorgeschmack der Greuel, die in einem Bürgerkrieg zu gewärtigen wären.

Was geht es uns an? Es ließe sich argumentieren: nichts. Wir schreiben nicht das Jahr 1914. Anders als damals ist das blockfreie Jugoslawien nicht in ein Geflecht von Verträgen eingebunden, deren Beistandsmechanismen sein Zerfall unabwendbar in Gang setzen würde. Schüsse in Sarajevo – heute würden sie keinen Weltkrieg heraufbeschwören. Dennoch kann uns nicht Hekuba sein, was hinter den Karawanken geschieht.