Von Peter Kipphoff

Vor rund zwanzig Jahren entschied das Landgericht Bonn in einem heiklen Streit. Chirurgen der Universitätsklinik Bonn hatten im Juni 1969 einem kurz zuvor verstorbenen Patienten die Leber entnommen und einem schwerkranken Studenten eingepflanzt. Witwe und Mutter des Toten erfuhren von der Entnahme erst durch die Presse. Dennoch wies das Landgericht ihre Schmerzensgeldklage ab. Die Richter führten aus, die Ärzte hätten zwar rechtswidrig gehandelt, indem sie die Transplantation ohne Einwilligung der Angehörigen vornahmen. Da jedoch klare gesetzliche Vorschriften zur Organentnahme fehlten, sei in der Rechtswissenschaft umstritten, ob eine Einwilligung der Hinterbliebenen benötigt werde. Den Medizinern könne deshalb allenfalls eine fahrlässige Verletzung ihrer Pflichten vorgeworfen werden, für die sie aber nicht hafteten.

Auch die Bonner Staatsanwaltschaft mußte sich mit diesem Fall befassen. Sie stellte jedoch ihr Ermittlungsverfahren wegen Störung der Totenruhe ein mit der Begründung, die Organentnahme sei rechtmäßig gewesen. Die Rettung des schwerkranken Patienten habe Vorrang gegenüber dem Wunsch der Hinterbliebenen, einen unversehrten Leichnam zu bestatten.

Noch immer gibt es in der Bundesrepublik Deutschland kein Transplantationsgesetz, die rechtlichen Probleme der Organentnahme sind nicht abschließend geklärt. Juristen, Mediziner und Politiker fordern, diese Lücke endlich zu schließen. Viele hoffen dabei auf eine Regelung, die auch den gravierenden Mangel an Organspenden reduzieren hilft. So warten etwa in den alten Bundesländern rund 7000 Nierenkranke auf eine Transplantation. Ihre Wartezeit beträgt durchschnittlich drei bis vier Jahre.

Die Experten sind sich einig, daß Organe grundsätzlich nur dann explantiert werden dürfen, wenn der Verstorbene einen Organspenderausweis ausgefüllt oder in anderer Weise sein Einverständnis erklärt hatte. Weil sich dies nur bei zwei bis drei Prozent der potentiellen Spender rasch klären läßt, müssen fast immer dessen Angehörige entscheiden – es sei denn, der Verstorbene hatte eine Entnahme untersagt. Dies ist stets bindend.

„Das Problem ist, daß sich viele Krankenhausärzte nicht trauen, den Hinterbliebenen eine Organentnahme vorzuschlagen“, sagt Knud Erben vom Interessenverband der Dialysepatienten und Nierentransplantierten Deutschlands (IVDD). Denn als Organspender kommen vor allem junge, gerade erst verstorbene Unfallopfer mit Schädel- oder Hirnverletzungen in Betracht. Der Arzt muß also verzweifelte Angehörige bitten, die oft unter Schock stehen. Knud Erben nimmt an, daß wegen dieser Scheu in achtzig Prozent der Fälle gar nicht erst nachgefragt wird. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt, daß im alten Bundesgebiet jährlich bis zu 3000 Nieren und jeweils 600 bis 800 Lebern und Herzen von Unfallopfern für Organverpflanzungen zur Verfügung stehen könnten. Jährlich werden aber lediglich rund 2000 Nieren sowie jeweils 250 Lebern und Herzen transplantiert.

Der IVDD hat jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt, wonach jedermann selbst entscheiden soll, ob er eine Organentnahme nach seinem Ableben zuläßt. Im Falle des Widerspruchs ist eine Explantation unzulässig, Schweigen gilt jedoch als Zustimmung. Den Bürgern soll diese Widerspruchslösung ausführlich erläutert werden, etwa wenn ein Personalausweis beantragt oder verlängert wird. Der Entwurf sieht vor, daß die Angehörigen über die Entnahme lediglich zu informieren sind. Knud Erben ist überzeugt, daß die Klinikärzte sehr viel eher eine Organentnahme in Erwägung ziehen, wenn die Widerspruchslösung Gesetz wird. Sie hätte auch den unbestreitbaren Vorteil, daß den Hinterbliebenen mögliche Konflikte und Schuldgefühle erspart blieben.