Zum Tode von Rudolf Serkin

Unser musikalisches Bewußtsein? Da begegnet uns plötzlich einer, der es uns vermittelt – nur einigen Großen scheinen die Musen selber es geschenkt zu haben.

Rudolf Serkin war einer der so Gesegneten. Aber selbst er, der schon als Zwölfjähriger in Wien Mendelssohns Konzert aufführen durfte und konnte, holte sich ein neues Wissen bei Arnold Schönberg. Was müssen das für Zeiten gewesen sein, da ein siebzehnjähriger Rudolf Serkin mit einem Adolf Busch zusammentraf und beide, nach zwölf Jahren gemeinsamer Arbeit, 1932, die Violinsonaten von Brahms aufführten und aufnahmen – ein Jahr später mußten beide emigrieren. Wieder zwei Jahre später spielt dieser Rudolf Serkin in New York unter Arturo Toscanini sein Amerika-Debüt mit Beethovens Viertem, noch einmal zwei Jahre darauf ist das Duo wieder zusammen und gibt in New York sämtliche Beethoven-Violinsonaten, im folgenden Sommer, soeben wurde Osterreich „angeschlossen“, sind alle (und dazu noch Cortot, Ansermet, Walter und Mengelberg) beim ersten Luzerner Festival zusammen.

Der Lehrer Rudolf Serkin: Schon 1939 ist er am Curtis Institute in Philadelphia tätig. 1950 gründet er, zusammen mit Adolf Busch und Pablo Casals, das Marlboro-Festival, wo sich seither der Spitzennachwuchs versammelt (Columbia 33 001 faßt ein paar Ergebnisse zusammen). Glenn Gould hat bei ihm gelernt wie Murray Perahia – und sein Sohn Peter. In Deutschland hatten wir seit 1957 immer wieder die Chance einer Begegnung, das letzte Mal 1987, als eine Gemeinde nach München pilgerte, um den Vierundachtzigjährigen Beethovens op. 109, 110 und 111 spielen zu hören – und zu erfahren, daß das Attribut „Alterswildheit“, das seinen Platten aus den letzten Jahren zugesprochen worden war, nicht das trifft, was das Konzerterlebnis vermittelt und was man vielleicht so bezeichnen darf: menschliches Wissen und künstlerische Wahrheit.

Wir, seine Zuhörer und Verehrer, müssen uns mit dem bescheiden, was er uns auf seinen Platten lehrte, die wir uns aus aller Herren Länder mitbrachten (und die heute teilweise auf CD „remastered“ sind). Daß dabei Bachs fünftes Brandenburgisches Konzert mit Rudolf Serkin am Klavier (Marlboro) in puncto Musikalität auch heutigen historisch-kritischen Versionen nicht unterlegen ist; daß die sechs Beethoven-Sonaten (op. 13 / 27,2 / 57, CBS 42 539 und 109 / 110 / 111, DG 427 498) im Studio zwar perfekter, aber auch etwas glatter klingen; daß wir das erste Brahms-Konzert für das dem festen Zugriff von Rudolf Serkin angemessenere halten müssen (CBS 42 261); daß der Vergleich von Einspielungen der Mozart-Konzerte (CBS 42 533, 45 506; Fontana 699 011; DG 400 068) eines der lehrreichsten Vergnügen wird; daß wir mit Verwunderung feststellen, wie aufregend Reger-Konzerte sein können (CBS 61 711); daß Schubert-Sonaten (CBS 44 610), Schumanns Trio op. 63 und Quintett op. 44 durch Rudolf Serkin kräftige Farben erhalten (CBS 45 885): Unser musikalisches Bewußtsein wird durch diesen Künstler dauerhaft geprägt bleiben. H.J.H.