Von Nina Grunenberg

Für einen Abend, für eine Nacht herrschten zwischen CDU und CSU Frieden und Eintracht. Was sich die Brüder zu sagen hatten, wurde gesagt, die Atmosphäre zwischen ihnen gereinigt. Sie wußten wieder, woran sie waren, stellten die Christlich-Sozialen aufatmend fest. Das Gefühl der Nähe, das der Kanzler beim Treffen im schwäbischen Kloster Irsee zu verbreiten verstand, war Balsam für die aufgerauten Seelen in der bayerischen Partei.

Theo Waigel, nicht nur als Bundesfinanzminister, sondern auch als CSU-Chef vielgeplagt, konnte für ein paar Stunden entspannen. Was seine Münchner Vorstands-Kollegen ihm nicht hatten glauben wollen, mußten sie dem Kanzler abnehmen: Einer Ausdehnung der CSU auf das Gebiet der fünf neuen Länder wird die CDU nicht zustimmen. Das Konzept der Bayern überzeugt sie nicht. Die Reibungsverluste, die es kosten würde, schätzt sie höher ein als die Gewinne. Edmund Stoiber und Peter Gauweiler, die eifrigsten Verfechter der Ausbreitungsidee, haben es nun im Stammbuch stehen. Schon dafür hat sich der Abend gelohnt. Hat er sich wirklich gelohnt?

"Irsee" war zu schön, um wahr zu sein. Drei Tage nach dem Versöhnungstreffen flatterten die CSU-Nerven schon wieder, von der Erinnerung eingeholt. Kam den Bayern das Kohlsche Verfahren nicht bekannt vor? Hatten sie das alles nicht schon erlebt?

Mit Franz Josef Strauß war Helmut Kohl genauso umgesprungen. Um auf dessen Forderung nach engerer Konsultation einzugehen, war er mit ihm in die Alpen gefahren. Viel blieb von den Versprechungen, die der Kanzler dem bayerischen Ministerpräsidenten auf diesen Expeditionen unter vier Augen machte, nie übrig. Nach dem dritten Alpenspaziergang fing Strauß an, Gedächtnisprotokolle aufzusetzen – alles für die Katz. Seine Getreuen erinnern sich heute noch des Ärgers und der Enttäuschung, die jeder dieser Wanderungen folgten.

Das strapaziöse Jahr 1990, in dem die deutsche Einheit am Kräftehaushalt der Bonner zehrte, hat auf vielen anderen Politikfeldern Defizite entstehen lassen. Zwischen CDU und CSU hapert es mit der Abstimmung. Der von der Wirklichkeit weit entfernte Parteienstreit um die Reform des Abtreibungsparagraphen ist nur ein Beispiel, ein anderes die Penetranz, mit der die CSU Nachbesserungen im Polen-Vertrag fordert.

Mehr als ihr diplomatisches Geschick fällt der blinde Eifer auf, von dem sich die CSU dabei leiten läßt. Ihr ist jedes Mittel recht, um das außenpolitische Monopol von Hans-Dietrich Genscher anzukratzen. Die Mühe ist vergeblich, aber der Unfrieden in der Koalition bleibt garantiert. Anders können sich die Bayern eben nicht helfen.