Pforzheim

Pforzheims Stadtbild lebt von vielen, manchmal auch erst auf den zweiten Blick zu entdeckenden baulichen Raritäten“ – so lockt die „Goldstadt an der Schwarzwald-Pforte“ in bunten Hochglanzprospekten. Auf eine dieser „baulichen Raritäten“ aber würden viele Pforzheimer am liebsten verzichten: Seit einem Jahr arbeiten türkische Muslime an der Fatih-Camii-Moschee, dem ersten Moschee-Neubau der Nachkriegszeit in Baden-Württemberg.

Vielen Pforzheimern waren die frommen Muselmanen schon immer ein Ärgernis. Erleichtert atmeten sie denn auch auf, als die türkische Gemeinde vor Jahren unter dem Druck einer Bürgerinitiative ihren Gebetssaal in einem Wohngebiet verließ und eine alte Fabrikhalle im Gewerbegebiet bezog. Doch der Friede zwischen den Religionen währte nicht lange: Für das von der Stadt erworbene Grundstück neben der Fabrik präsentierte die türkische Gemeinde Pläne für den Bau einer Moschee.

Statt aufzuklären und zu schlichten, schürten Kommunalpolitiker die nun aufkeimende Angst vor der „Bedrohung durch den Islam“. Die Moschee sei Symbol für den „Untergang des christlichen Abendlandes“, hieß es im Gemeinderat, sie könne zur „Brutstätte fundamentalistischen Gedankenguts“ werden. Vor allem um das 25 Meter hohe Minarett ging der Streit. War es für den CDU-Parteivorsitzenden Alois Amann eine „Provokation“, freute sich Parteifreund und Baubürgermeister Siegbert Frank über das „schlanke, filligrane Türmchen“. Im Gewerbegebiet könne die Moschee gar zum „Schmuckstück“, zu „einer architektonischen Zierde“ werden – schließlich ragen nur wenige hundert Meter entfernt zwei Schlote des Heizkraftwerkes in den Himmel.

Als bei einer Umfrage der Pforzheimer Zeitung der Bau der Moschee auf Rang 5 einer Liste der „Ärgernisse des Jahres“ landete, griffen auch die Republikaner das Thema im Kommunalwahlkampf auf: Prompt gelang ihnen mit 11,1 Prozent der Sprung in den Gemeinderat. Ihr damaliger Fraktionsvorsitzender Leo Thenn, mittlerweile ausgeschieden, um den Landtagswahlkampf 1992 zu führen, wird nicht müde, die Gefahr zu beschwören: „Von allen großen Weltreligionen ist der Islam die aggressivste, intoleranteste und grausamste. Was den Türken damals vor Wien mißlang, versucht der Islam jetzt auf gewaltlose Weise: die religiöse Eroberung Europas.“ Eine Moschee samt Minarett wie in Pforzheim diene den gefährlichen Strategen im Hintergrund als Leuchtturm, der immer mehr Muslime anlocke. „Wir hätten sicher die für ein Bürgerbegehren nötigen 12 000 Unterschriften gegen die Moschee zusammenbekommen“, sagt der „freireligiöse“ Republikaner Thenn, „aber meine Mitarbeiter fürchten um Sicherheit und Leben.“

Auch im Lager der christlichen Geistlichkeit riß die Auseinandersetzung Gräben auf. Während die Dekane beider Konfessionen den Bau mit wohlwollenden Äußerungen begleiteten und vor Ausbruch des Golfkrieges sogar zu einem gemeinsamen Friedensgebet ins Heiligtum der Muslime kamen, setzte sich der evangelische Pfarrer und Freie-Wähler-Stadtrat Gerhard Hager an die Spitze des Protests, um der „Wühlarbeit türkischer Fundamentalisten“ entgegenzutreten. Ihn plagt die Sorge vor einer „multikulturellen Gesellschaft“ und vor „Überfremdung“. Gegen die Moschee, die Hager auch gerne „Großmoschee“ nennt, habe er nichts, sehr viel aber gegen das Minarett, das ein Symbol der „faschistoiden“ Türkei sei: „Ein Bauverbot für das Minarett wäre ein Fußtritt gegen das Schienbein der Türkei gewesen.“ Außerdem will der Pfarrer etwas von einer Strategie erfahren haben, nach der in den nächsten Jahren 580 Moscheen in der Bundesrepublik gebaut werden sollen.

Tatsächlich gibt es in der Bundesrepublik gerade ein Dutzend Moscheen orientalischer Bauweise, die nicht einmal alle in diesem Jahrhundert entstanden sind. Und die Fatih-Camii-Moschee in Pforzheim ist erst das fünfte Haus, das der türkische DITIB in Köln, einem Ableger der staatlichen Religionsbehörde in Ankara, untersteht.