Die Mehrheit der Frauen in Westdeutschland hofft auf eine Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes. In Polen hingegen droht ein katholischer Fundamentalismus. Das „stalinistische“ Gesetz von 1956, das einen „Völkermord“ verursacht habe, weil es die Abtreibung freigab, soll durch ein Gesetz zum Bevölkerungswachstum ersetzt werden. Danach wird die Frau zum Gebären verurteilt sein: Weder eine Vergewaltigung noch genetische Schäden des Embryos, weder Krankheit noch soziale Lage der Schwangeren können einen Abbruch legitimieren. Nur wenn ihr Leben bedroht ist, soll der Arzt eingreifen dürfen – sonst drohen zwei Jahre Gefängnis.

Für den katholischen Fundamentalisten beginnt das Leben im Augenblick der Zeugung. Allein die Mißachtung dieses Glaubenssatzes zählt. Welche katastrophalen Folgen Armut und Alkoholismus in den Familien oder der Status einer ledigen Mutter für das Kind haben können – von diesen Gebrechen der Wirklichkeit will der Fundamentalist seine Prinzipien nicht aufweichen lassen.

Aber mit eben dieser Wirklichkeit argumentieren die Gegner des Abtreibungsverbotes. Die Staatskasse in Polen ist leer. Woher soll die Regierung also die 800 Millionen Mark nehmen, die allein für Ärzte und Sozialleistungen notwendig wären? Kindergärten werden schon jetzt aus Geldmangel geschlossen. Viele Frauen wird auch das Verbot nicht von der Abtreibung abhalten; es kann sie nur in die Illegalität drängen.

Als im Frühjahr 1989 katholische Abgeordnete die erste Version des inzwischen noch verschärften Gesetzentwurfs einbrachten, da entrüsteten sich nur die gemeinhin diskreditierten, aber noch herrschenden Kommunisten und die gemeinhin belächelten, zahlenmäßig verschwindend geringen Frauengruppen. Das fehlte noch – so der Tenor der damaligen Opposition –, daß die Kommunisten die große Einheit von Solidarnosc, Kirche und Volk mit einem zweitrangigen Thema zerstören. Aber das Thema hat sich weder als zweitrangig erwiesen, noch konnte die Tabuisierung die Spaltung des Solidarnösc-Lagers verhindern.

In den letzten Monaten haben sich die Lager neu geordnet: auf der einen Seite die katholische Hierarchie, katholische Jugendgruppen, christlichnationale Parteien – nach Umfragen bis zu 25 Prozent der Bevölkerung. Auf der anderen Seite Frauenorganisationen, linke und demokratische Bewegungen und Parteien, die kleine evangelische Kirche, die Juristen-Vereinigung – ungefähr 40 bis 65 Prozent der Bevölkerung. Und das ist der eigentliche Sieg der Abtreibungsdebatte in Polen: Die Kirche, im Gefühl ihrer Potenz aus totalitären Zeiten zu einer Offensive angetreten, mußte sich unter demokratischen Bedingungen in ihre Schranken weisen lassen. Über die Hälfte der Polen wirft ihr inzwischen zuviel Einmischung in außerreligiöse Belange vor.

In einer Frage ist der nationale Konsens allerdings unangetastet: Die Mutterrolle steht nicht zur Diskussion. Auch aus der neu entstandenen Frauenfraktion im Sejm forderte niemand Selbstbestimmung für die Frau. Vielleicht ist allerdings auch bald die Leidensfähigkeit der polnischen Mutter überstrapaziert. Wenn für jeden Gefangenen drei Quadratmeter berechnet würden, so hielt eine Tageszeitung den katholischen Fundamentalisten sarkastisch vor, faßten die polnischen Gefängnisse noch 10 000 Frauen ... Helga Hirsch

(Bei Redaktionsschluß hatte sich der Sejm in Warschau noch nicht entschieden, ob das Gesetz überhaupt zur Abstimmung kommen soll.)