Offen gestanden, meine Trauminsel ist sie nicht, die stelle ich mir anders vor: mit Kokospalmen und Stränden, mit Lagunen und Wasserfällen, Bananenhainen und Orchideen, also etwa wie Tahiti. Doch Alexander Selkirk war heilfroh, daß er überhaupt Land unter die Füße bekam.

Mit Mann und Maus waren 1704 die englischen Segler Saint George und Cinque Ports an den Felsen dieses dunklen Gestades zerschellt, und der schottische Matrose hatte als einziger den Schiffbruch überlebt. Vier Jahre und vier Monate hielt Alexander Selkirk auf dem gottverlassenen Eiland im Südpazifik durch, bis er schließlich gerettet wurde. Einige Habseligkeiten konnte er aus den Wracks der Schiffe bergen und sich damit, so gut es ging, auf der Insel häuslich einrichten.

Die Geschichte kommt bekannt vor? Natürlich, der englische Schriftsteller Daniel Defoe hat sie nach den Presseberichten der damaligen Zeit als Grundlage für seinen Roman „Robinson Crusoe“ verwendet und in den Atlantik vor die Mündung des Orinoko verlegt.

Auf der richtigen Robinson-Insel bin ich mit einer Cessna gelandet. „Willkommen in Juan Fernändez!“ Auch ich bin froh, nach dem schaukeligen Flug wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Alexander Selkirk war nicht der erste, der diese düstere Insel betreten hatte; aber woher sollte er wissen, daß der spanische Abenteurer Juan Fernández bereits anno 1574 den Archipel entdeckt, ihn auf den Namen Santa Cecilia getauft, Hühner und Ziegen ausgesetzt und alle Anstalten getroffen hatte, für sich selber ein kleines überseeisches Reich zu arrondieren? Doch die Krone in Spanien gab ihr Plazet nicht – und so blieben die Inselchen den wilden Ziegen, Ratten und Hühnern überlassen und den gelegentlichen Besuchen der Seeräuber, die sich hier versteckten, bis die Luft wieder rein war.

Reisende und Gepäck werden am Rand der Flugpiste auf einen altersschwachen Jeep geladen, der über eine holprige Piste hinunter ans Wasser rumpelt. Von dort tuckern wir um die halbe Insel herum, bis sich die Bahia Cumberland öffnet, der Sund, an den sich der einzige Ort der Insel schmiegt. Juan Batista mit derzeit 600 Einwohnern hat einen kleinen Seepier, eine Handvoll Holzhäuser, eine Schule, ein Postamt, eine Satellitenantenne, eine Kapelle, einen Fahnenmast und die „Hosteria Robinson Crusoe“, wo wir freundlich aufgenommen werden.

Der Archipel umfaßt drei Inseln. Isla Robinson Crusoe, die Hauptinsel, Isla Alejandro Selkirk, die unbewohnte, fast gleich große Schwesterinsel 188 Kilometer weiter westlich draußen im Pazifik, und die winzige Isla Santa Clara, das Paradies der Wildkaninchen, in Sichtweite der Robinson-Insel. Zusammengezählt sind die Inseln nicht mehr als ein Fetzen fester Erde, nicht größer als Sylt, rund 700 Kilometer vor der Küste Chiles und einige tausend Seemeilen von jeder anderen Insel im Südpazifik entfernt. Und weiß Gott kein Badeparadies für Menschen. Schroff steigt das Land jäh aus der Tiefsee hoch in die Wolken. 915 Meter hoch erhebt sich der Gipfel des Yunque, der wie ein düsterer Säulenheiliger mit einer Regenkapuze über das Eiland wacht. Ein Ort, so recht geeignet für Verbannte.

So wundert es nicht, daß die spanische Krone den Archipel in eine Strafkolonie für chilenische Separatisten verwandelte. Als Chile frei und Spanien geschlagen war, versank Juan Fernández wieder in den Dornröschenschlaf. Was dann den deutschen Baron Alfred von Rodt 1877 bewogen haben mag, ausgerechnet hier am Ende der Welt sein Glück zu versuchen, weiß niemand. Doch er hat deutliche Spuren hinterlassen. Viele Bewohner von Juan Batista haben rote Wangen und blaue Augen.