Von Fredy Gsteiger

Sanaa/Aden, im Mai

Das "Tor zum Jemen" – Bab al Yaman – führt in die befestigte Altstadt Sanaas. Es ist Jemens Tor zur Welt. Denn dort bieten fliegende Händler Kurzwellenradios und Fernsehapparate feil, die die Bürger des abgeschiedenen Landes am Südwestzipfel der arabischen Halbinsel über das Weltgeschehen informieren. Die Geräte sind meist hochbetagt; in dieser mittelalterlichen Stadt wirken sie indes modern.

Am Rande des souks dreht ein Kamel monotone seine Runden um eine Ölmühle. Daneben werden zu kleinen Pyramiden aufgeschüttete Gewürze verkauft. Ein Barbier traktiert mit stumpfem Messer das Kinn eines Kunden. Hunderte von glitzernden Parfümfläschchen zieren seinen Laden. Männer schlendern Hand in Hand durch den Markt. Sie tragen ihre jambiah, einen Krummdolch, der vorne im Gürtel steckt und phallusartig emporragt. Die Kinder – 8,3 je Frau – spielen mit Murmeln. Und die Frauen – 1,06 je Ehemann im Landesdurchschnitt – tragen Schleier.

Zu dieser Stunde wählen die Kunden mit Kennerblick grüne Qat-Blätter aus. Am Nachmittag wird dann Ruhe einkehren im souk, wenn die Männer und Frauen daheim sitzen und diese Drogenpflanze kauen, bis ihre Augen glasig und die Zungen schwer werden. Viele geben ihr halbes Einkommen für Qat aus.

Im Jemen gehen die Uhren eben anders. Noch herrscht tiefes Mittelalter, das Leben ist geprägt von Traditionen. Ausgerechnet die rückständigen Jemeniten aber standen vorige Woche vor den Wahlurnen Schlange, um der ersten wirklich demokratischen Verfassung in der arabischen Welt zuzustimmen. Ihr Staat ist am 22. Mai eben erst ein Jahr alt geworden. Hals über Kopf hatten sich der traditionalistisch-islamische Nordjemen und der marxistische Südjemen vereinigt. Aus zwei Diktaturen soll nun eine Demokratie werden. Außenminister Abdul Karim Al-Iryanis Kommentar: "Zwei lahme Pferde haben sich zu einem gesunden vereinigt. Es ist nicht wie in Deutschland, wo ein lahmes Pferd hinter einem gesunden herläuft. Eins und eins", meint der kleinwüchsige, quirlige Politiker, "sind in Jemen mehr als zwei." Als Doktor der Biologie wisse er schließlich, was Synergie bedeute.

Ähnlich äußert sich Abdulasis Al-Saqqaf, der Herausgeber der brandneuen Yemen Times: "Die Geschichte ist unumkehrbar; es gibt Nationen, die aufsteigen, und andere, die absteigen." Der mal im westlichen Geschäftsanzug, mal im herkömmlichen langen Gewand auftretende Al-Saqqaf prophezeit seinem Land eine goldene Zukunft: "Es geht aufwärts zum Wohlstand und vorwärts in die Moderne."