Der Alptraum: Fröstelnd und wie in Trance taumelt der Reisende auf bloßen Socken über den Bahnsteig, notdürftig nur mit Unterhemd und -hose bedeckt, Jackett und Pullover unter den einen Arm geklemmt, Schuhe und Jeans unter den anderen. Seine Reisetasche fällt ihm rumpelnd vor die Füße, während der Zug samt seinem Aktenkoffer unaufhaltsam davonrollt. Der Reisende, in tiefstem Schlummer seinem Ziel entgegenträumend, konnte erst im allerletzten Augenblick vom Schlafwagenschaffner aus Morpheus’ Armen gerissen und auf den Perron expediert werden.

Die Situation, die manche schon am eigenen Leib erfahren haben: Erschöpft von einem langen Tag voll zäher Verhandlungen und langatmiger Diskussionen, von unnützen Gesprächen und einem zu opulenten Essen und wohlig müde von einem köstlich-schweren Rotwein, räkelt sich der Reisende in seinem Sitz, schaltet die Lehne zurück, kuschelt sich in seinen Mantel und dämmert davon. Vier Stunden Fahrt noch, ein bißchen kann man da schon dösen. Ruhig gleitet der Zug dahin und der Reisende in den Traum.

Einmal rappelt er sich kurz hoch, Osnabrück erst, getrost kann er noch einmal zurücksinken.

Als er wieder aufwacht, ist es beängstigend ruhig und leer, wo vorher kaum ein Platz zu finden war. Und der Zug steht. Der Reisende wankt zur Tür, schaut hinaus. Mitternacht und Hamburg-Altona. Glücklich, wer jetzt Freunde in der Fremde hat, die Quartier bieten können zu nachtschlafender Stunde. Den Pechvogel tröstet nur, daß der Zug nicht weitergefahren ist bis nach Sylt oder nach Kopenhagen. Nicht auszudenken. Was hätte er in Kopenhagen machen sollen?

Warum wir uns dieses allzeit aktuellen Themas gerade jetzt annehmen? Was bei uns gelegentliches Einzelschicksal bleibt, ist in Japan, so entnehmen wir einer dpa-Meldung, ständiges Problem. Knochenharte Rüttelarbeit erwartet jede Nacht Nippons Schaffner. Denn, so lesen wir, in jedem Wagen fast stoßen die bemitleidenswerten Bahnleute auf ein halbes Dutzend schnarchender, schwer betrunkener Männer. Nicht nur der lange Arbeitstag schwächt die emsigen fernöstlichen Arbeiter, sondern ebenso die Kneipenzüge, die, man weiß es, ein karrierebewußter Japaner allabendlich absolvieren muß. Kein Wunder also, daß die Unermüdlichen doch einmal müde werden – auf dem langen Bahnweg nach Hause.

Damit nun jeder pünktlich aus dem Zug und in sein Bett kommt, ist die East Japan Railway Company auf eine bahnbrechende Idee gekommen. Ein elektronischer Piepser, kreditkartengroß und auf den Zielbahnhof programmiert, soll die Schläfer zur rechten Zeit wieder munter machen.

Voll Bewunderung für den japanischen Erfindergeist, wüßte der deutsche Bahnschläfer allzugern, ob’s auch bei ihm bald piepen wird, so flugs wie die Söhne Nippons exportieren, oder ob er sich doch auf die gute, alte, international bekannte Methode zurückbesinnen soll – auf den Wecker.

Monika Putschögl