Von Martin Kuhna

wie es gekommen ist, weiß Bettina Bohle aus Düsseldorf-Kaarst selbst nicht so genau – „irgendwie Wahnsinn“ sei es schon, daß sie gebrauchte Jeans bei Altkleiderhändlern in den USA für ein paar Dollar kaufen und deutschen Boutiquen für 60 Mark und mehr weiterreichen könne. Mittlerweile bessert sie mit 2000 vermittelten Secondhandhosen pro Monat ihr studentisches Budget wesentlich auf. Die Studentin in Düsseldorf-Kaarst steht nicht allein. Bundesweit soll Händlern das Hosen-Recycling nach Branchenschätzungen im vergangenen Jahr 500 000mal gelungen sein.

Rudolf Beaufays, altgedienter Hamburger Secondhandprofi, vertreibt die Gebrauchten seit zwei Jahren über ein wachsendes Netz von Geschäften und rechnet den Monats-Warenumsatz nur mehr in Tonnen. Tendenz: steigend. Beaufays: „Man macht ’nen Laden auf, und dann läuft das.“ Sein Geschäft im feinen Hamburger Eppendorf dagegen bietet nur Guterhaltenes zum Einheitspreis von 95 Mark. Anderswo wird für die gebrauchten auch schon mal soviel verlangt wie für fabrikneue Jeans.

Die Gebrauchte muß denn eigentlich auch eine „Levi’s“ sein, genauer: eine „501“, schlicht geschnitten und altmodisch mit Knöpfen verschlossen. Die Fünfnulleins „ist im Prinzip das alte Teil, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kam“, erklärt Chris Heberlein, PR-Frau für Levi-Strauss Deutschland. Den Klassiker hat das Unternehmen nach längerer Pause erst 1985 mit einer zeitgeistigen Werbekampagne „relaunched“ – gerade rechtzeitig zur Behebung einer Jeanskrise, deren bester Ausdruck wohl die Designerjeans mit schickem Etikett, mit Bundfalten und in Karottenform waren. Der Klassikwende folgten auf dem Fuß die Secondhandjeans: wenn schon alt, dann richtig. Richtig alte 501 aber gab es in Deutschland noch kaum, also mußten welche aus den USA her. Daß die Zweithandmasche überhaupt funktionieren konnte, liegt am Wesen der Jeans. Denn die neugekauften Ur-Bluejeans, man erinnere sich, sind die reine Katastrophe: hart, kratzig, völlig überfärbt und, wenn man schlau gekauft hat, erst mal ein paar Nummern zu groß. Nur durch ausdauerndes Tragen und häufiges Waschen wird eine Hose draus. Zwar kann man die Phase des Übergangs durch Baden mitsamt den Beinkleidern und durch rabiate Heißwasser-Schrumpfkuren verkürzen. Doch die ideale Kombination aus noch haltbar, bereits verschlissen und perfektem Sitz muß sich der Hosenbesitzer langsam erarbeiten. Mit den Worten des in Jeansfragen gern zitierten französischen Soziologen Daniel Friedmann: „... die Zeit schreibt den Jeans auf einem immer blasser werdenden Hintergrund ihr Gedächtnis ein. Sie registrieren Erinnerungen in ihrer Textur und in den Farben ihrer Haut...“

Wem das alles zu lange dauert, der geht heute in den Secondhandladen. Dort liegen die verblaßten Erinnerungen dutzendweise, nach Weite und Länge sortiert, griffbereit in den Regalen. Daß es die Erinnerungen irgendeines unbekannten High-School- oder College-Eleven sind oder gar die eines Gefängnisinsassen – denn 501 sollen mal zur US-Anstaltskluft gezählt haben –, kümmert die Zweithandkunden nicht.

Gereifte Freunde der blauen Hosen überlassen dieses Marktsegment weitgehend den Teenies und Twens. Zum einen steigt ihnen der Hautgout gebrauchter US-Hosen wohl doch unangenehm in die Nase. Zum anderen ist das Tragen einer 501, mehr als bei den Designer-Edelkarotten, eine Formfrage. Zwar halten Jeansläden noch schlimmere Angströhren feil, doch hat auch die 501 wenig Raum für Fülle. Außerdem stimmen bei den Importen die wohlbekannten Jeansgrößen nicht. Wer unter Schmerzen Abschied genommen hat vom, sagen wir: 31/36 seiner Jugendzeit, der mag nicht beim Kauf einer „amerikanischen“ noch mal zwei bei der Weite zugeben.

Doch Gemach. Erstens hat Levi’s jetzt fabrikneue Secondhand-501 aus Europa im Programm. Sie werden im Werk malträtiert, bis sie an den typischen Stellen Verschleißsignale zeigen. Ob Monsieur Friedmann an den zweifellos stereotypen Erinnerungen solcher kollektiv gealterten Hosen seine Freude hätte, scheint fraglich. Jedenfalls aber werden die Hosen, oft mit Preisaufschlag wegen des zusätzlichen Aufwands, in großer Zahl unters Volk gebracht – versehen mit einem warnenden Pappschild, welches Taschengeldgeber darüber aufklärt, daß von der teurer bezahlten Hose nicht die gleiche Lebensdauer erwartet werden dürfe wie von einer normalen. Direktimporteure amerikanischer Levi’s bieten das gleiche mit einem Schild, welches unübertrefflich lakonisch alles sagt: „Instant Old“. Schwamm drüber.