Von Otto Kallscheuer

Der göttliche Auftrag zur Weltherrschaft und die Orthodoxie einer weitabgewandten christlichen Spiritualität: Beide Dimensionen von Byzanz bilden die Schlüssel dieser Gesamtdarstellung. Ducellier und seine Mitautoren haben sich ein im spezialisierten Wissenschaftsbetrieb heutzutage schier undenkbares Unterfangen vorgenommen, nämlich nicht weniger als ein Jahrtausend Geschichte des Mittelmeerraumes zu schreiben: von der Teilung des Imperium Romanum im Jahre 395 bis zur Einnahme Konstantinopels durch Mehmed den Eroberer (1453).

Diese Geschichte des (trotz zeitweiliger Expansionen) über ein Jahrtausend schrumpfenden oströmischen Reiches ist eine historisch-materialistische Darstellung im besten Wortsinne – und zwar gerade weil sie von der Macht der Kultur zeugt. Sie demonstriert die Macht einer bestimmten Idee der Legitimität, der Ordnung des Politischen im christlichen Reich.

In hoc signo vincis: Des großen Konstantin (306 bis 337) Begegnung mit dem Kreuz als dem neuen Siegesmal des Kaisertums war kein historischer Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrhundertelangen Suche des römischen Imperiums nach einem seiner Idee angemessenen Legitimitätsbegriff. Erst mit der einzigen und allmächtigen Gottesgestalt des Christentums hat das römische Kaisertum seine transzendente Legitimitätsgrundlage gefunden. Der göttliche Pantokrator ist Vorbild und Quelle der diesseitigen Macht des kaiserlichen Autokrator. Die zuletzt im 6. Jahrhundert erfolgte Kodifizierung dieser Synthese von christlicher Staatsreligion und römischem Recht ist übrigens gerade in einer preiswerten deutschen Auswahl erschienen ("Codex Justinianus"; ausgewählt und herausgegeben von Gottfried Härtel und Frank-Michael Kaufmann, Reclam-Verlag, Leipzig 1991).

Es ist kein Zufall, daß Justinian I. (527 bis 565), der innenpolitisch das Christentum zur autoritären Staatsreligion verrechtlicht und die Reichsverwaltung zentralisiert hat, mit der Wiedereroberung des Weltreiches gleichzeitig auch außenpolitisch die restauratio imperii betrieb. Aber schon im 7. Jahrhundert drohte das Reich unter dem Ansturm von Arabern, Bulgaren und Slawen zu zerbrechen.

Für Ducellier war diese Schwäche des Imperium christianum nicht militärischer Natur. Schon der erste Zusammenbruch ist vielmehr in der Konstruktion des Reiches selber angelegt: in der ökonomischen und demographischen Auszehrung eines von Steuerlasten und einer zentralistischen Elite beherrschten Staatswesens – und in der Unfähigkeit der allumfassenden (katholischen) Orthodoxie als Staatsreligion, dem kompromißloser weitabgewandten Monotheismus der östlichen Kirchen dauerhaft das Wasser abzugraben.

Das "Bewegungsgesetz" des oströmischen Imperiums liegt somit nach Ducellier im Widerspruch zwischen dem imperialen Universalismus des christlichen Kaisers und der geographisch, klimatisch, geologisch heterogenen und sozialökonomisch stagnierenden Basis seiner Macht: Die mediterrane Landwirtschaft erfährt im Jahrtausend vom 4. bis zum 14. Jahrhundert kaum Produktivitätsfortschritte; Erdbeben, Überschwemmungen, Trockenzeiten, Heuschreckenplagen und periodische Seuchen begrenzen das wirtschaftliche Wachstum (zumal der Surplus von den kaiserlichen Steuerbeamten eingetrieben wird) und die demographische Entwicklung; die Städte entwickeln keine eigene ökonomische Dynamik, sondern bleiben – wie in der Antike – vorwiegend agrarische Märkte; die zaghaften Ansätze einer byzantinischen Bourgeoisie werden seit dem 11. Jahrhundert von der handelspolitischen Vormacht der italienischen Seerepubliken überrannt.