Die Emscher: Gibt es ein zweites Leben für Nordrhein-Westfalens mißbrauchten Fluß?

Von Christof Boy

Stille Wasser sind trüb. Die Emscher eilt lautlos vorbei, keine gurgelnden Stromschnellen, kein leises Murmeln, nicht einmal glucksende Geräusche, wenn sie artig die Abwässer eines Seitenarms in sich aufnehmen muß. Ihr Bett ist glatt und zieht sich mitunter über Kilometer schnurgerade dahin. Sicher wäre die Emscher ein namenloser Abwasserkanal geblieben, aber sie galt – aus Sicht der Ruhrgebietskommunen und der ansässigen Industrie – von Anfang an als Prototyp einer rationellen und unkomplizierten Abwasserbeseitigung. Stahlwerke, Eisenhütten, Gießereien, Walzstraßen, Maschinen- und Metallfabriken, aber auch die selten gewordenen Zechen und Kokereien entlassen ihr Brauchwasser in die Emscher. Da die Verursacher, die sich in der Emschergenossenschaft zusammengeschlossen haben, die Reinhaltung des Flusses in Selbstverwaltung regulieren, konnten sie in der Vergangenheit die Höhe der Schadstoffbelastung weitgehend willkürlich festsetzen. Erst ab 1965 begann man mit dem Bau von drei biologischen Kläranlagen an der Mündung der Emscher, um den Rhein vor der Giftfracht aus dem Ruhrgebiet zu schützen.

Aufdringlich sind die Gerüche, die von der Emscher ausgedünstet werden. „Einfach nur der Nase nach“, pflegen die Berginvaliden und Frührentner, die neben dem Abwasserkanal ihre Kleingärten bestellen, zu sagen, wenn jemand nach dem Weg zum betonierten Flußbett fragt. Aber wer fragt schon danach? Gelegentlich verschlägt es einen Touristen hierher, den jemand mit dem Märchen von der romantischen Flußwanderung hinters Licht geführt hat, oder einen privaten Müllmann, der nicht einsieht, warum die Zechen, Stahlkonzerne und Gemeinden ihren Dreck direkt einleiten dürfen, während er sein Altöl umständlich entsorgen muß.

Es geht die Mär, daß dieser Abwasserfluß einer natürlichen Quelle entspringt. Über Jahrzehnte haben sich Heerscharen von Klassenlehrern und Heimatkundlern aufgemacht, als gelte es, weiße Flecken auf Landkarten zu tilgen, und haben Quellenforschung betrieben. Seitdem weiß jedes Kind im Ruhrgebiet, daß die Emscher an der Quelle als munteres, unschuldiges Bächlein dahinplätschert. Sauberes, kristallklares Wasser. Rohrkolben, Blutweiderich und Sumpfdotterblumen säumen die Ufer, und Stichlinge, des Lehrers liebstes Studienobjekt, stehen im seichten Wasser. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts konnten die Kinder am Unterlauf der Emscher baden, heißt es in den verklärten Rückblicken der Schul- und Heimatbücher. Damit die Idylle komplett ist, erzählten die Pauker im Heimatkundeunterricht noch von ihrem eigenen Besuch im Quellgebiet – meist liegt er Jahre oder Jahrzehnte zurück – und versprachen dann, bei der nächsten Klassenfahrt das Ausflugsziel Emscherquelle anzusteuern.

Ich habe das nie so recht glauben können, auch später nicht, als wir in der Untertertia den Unterrichtsstoff von der Trinkwasserlieferantin Ruhr und der emsigen Putzfrau Emscher vertiefen mußten und nur darauf brannten, in der Pause hinunter zur Emscher zu laufen, die damals direkt am Schulgrundstück vorbeiführte. Der Reiz lag im ausdrücklichen Verbot der Annäherung. Mit Vorliebe kletterten wir über den Zaun, denn es war verboten. Wir liefen an den Rand der Einfassung. Das klare Verbot der Eltern in den Ohren. Besonders Wagemutige – zu denen ich nicht zählte – rutschten mit dem Hosenboden über die dicken Gasrohre der Hüttenwerke. Streng verboten. Und wir stiegen die Treppen zum Wasserspiegel herab. Auch das war natürlich nicht erlaubt, weil immer wieder Kinder auf dem glitschigen und verschmierten Beton ausgerutscht und ertrunken waren. Wir spuckten trotzig in die Fluten und sahen dem tanzenden Speichel nach. Eine Weile hielt sich die Spucke auf dem öligen Wasserspiegel, bis sie von dem gierigen Schlund eines Tunnels verschluckt wurde. Während wir so in die Emscher starrten, ahnten wir vielleicht schon, daß es nicht so weit her sein konnte mit der blitzblanken Quelle, die sich irgendwo einige Dutzend Kilometer flußaufwärts befinden sollte. Die Erwachsenen brauchten doch nur ein Alibi für ihren Raubbau an dem mit Lineal und Wasserwaage gezügelten Fluß.

Irgendwann, es mag jetzt zwei Jahre zurückliegen, stieß ich auf Unglaubliches. Was der Emscher im Laufe der Jahrzehnte genommen wurde, sollte ihr nun zurückgegeben werden. Die Emschergenossenschaft, die seit 1904 die Geschicke des Kanals lenkt, wollte zusammen mit der Stadt Dortmund ein Teilstück des Flußlaufs der Natur zurückgeben. Nach der gelungenen Sanierung der Jaucherinne sollte die Emscher als Attraktion der Bundesgartenschau 1991 als munteres und vor allem klares Bächlein durch den Westfalenpark fließen. In einem natürlichen Flußbett mit sanft auslaufenden Böschungen statt der eingekerbten Betonprofile. Mit vielen Wasserpflanzen und in kleinen Mäandern. Und voll sauberen Wassers.