Von Christoph Bertram

Sydney, im Mai

Dies war einmal ein Land, wo Bier und Honig flössen: Mit britischen Umgangsformen, amerikanischem Lebensstandard, skandinavischer Klassenlosigkeit – weiß und wohlhabend, the lucky country das glückliche Land. Doch heute ist Australien nicht mehr weiß und zunehmend überzeugt, daß der Wohlstand nicht gottgewollt ist, sondern von Menschen erarbeitet werden muß. Fast scheint es, als sei die wirtschaftliche Radikalkur, welche die sozialdemokratische Regierung seit 1983 dem Land verordnet, als sei auch die Abwendung Europas von jenem Erdteil, der sich einmal als europäischer Außenposten empfand, ein willkommener Anstoß zur Anpassung an neue Realitäten.

Realität Nummer eins: Australien ist nicht mehr weiß.

Zwar stehen die Menschen an den Bushaltestellen der Städte immer noch so brav Schlange, wie die Engländer zu Hause es längst verlernt haben. Zwar ist das Parlament in Canberra weiterhin weiß und fast völlig männlich; von den Chefetagen der Industrie, der Banken und des Handels ganz zu schweigen. Aber die Wucht des Wandels ist dennoch offensichtlich. Im Straßenbild der Großstädte mehren sich asiatische Gesichter. In den Schulen erobern fleißige Vietnamesen die ersten Plätze. Rund vier Prozent der Bevölkerung sind inzwischen asiatischen Ursprungs, bis zum Jahre 2030 könnten es nach vorsichtiger Schätzung fast zehn Prozent, vielleicht auch mehr werden. Geradezu schwärmerisch prophezeit ein hartgesottener Finanzier in seinem Sydneyer Hochhausbüro: „Sydney wird einmal eine der großen asiatischen Städte dieser Welt werden.“

Bis Ende der sechziger Jahre galt unumstößlich, was die Väter des 1901 gegründeten Bundesstaates als dessen Fundament verkündet hatten: Australien, ein weißer Staat, der vor dem „farbigen Fluch“ bewahrt werden müsse. 1938 noch waren fast hundert Prozent der Bevölkerung britischer Abstammung. Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten Deutsche, Balten, Griechen und Italiener ins Land, aber, weiß sollte es gerade dadurch bleiben. Zwei Jahrzehnte später fiel dann die Barriere gegen farbige Einwanderer wie eine morsche Schranke zusammen.

Zwar gibt es unter der Oberfläche immer noch Widerstände und Ressentiments: „Wir fühlen uns nicht mehr so wohl in unserer Haut“, meint der Sprößling einer alteingesessenen Industriellenfamilie; das wahre Australien findet er heute nicht mehr in den Städten, sondern auf dem weiten Lande. Aber für viele ist aus dem „farbigen Fluch“ die Chance der Neuerung geworden. Brian Johns gehört dazu, der Intendant des ethnischen staatlichen Fernsehens Special Broadcasting System, ein energiegeladener einstiger Journalist und Verleger, der sich selbst als „australischen Nationalisten“ bezeichnet. Die multikulturelle Konfusion begreift er als Chance, alte Verkrustungen der australischen Gesellschaft abzuwerfen. Seine Anstalt sendet zur Hälfte in englischer, im übrigen in anderen Sprachen; die vorzügliche Nachrichtensendung wird abwechselnd von zwei intelligenten jungen Frauen moderiert, die eine Griechin, die andere Chinesin. Die Institutionen des Landes, klagt Johns, hätten sich noch nicht auf die neue gesellschaftliche Wirklichkeit eingestellt, die traditionelle Presse verharre nach wie vor in angelsächsischen Scheuklappen. Aber den Erfolg seines Senders führt er darauf zurück, daß „wir hier im Einklang mit der neuen Wirklichkeit stehen“. Und das macht ihn, den menschenfreundlichen Reformer, nicht nur stolz, sondern auch glücklich. „Es ist einfach fantastisch, Teil dieser neuen Wirklichkeit zu sein.“