Von Peter Körte

Ein Schnäuzer, der ein leichtes Lächeln zu kaschieren scheint, während in den Augen ein trauriger Ernst liegt: Tobias Wolff gleicht auf dem Photo einem Autor, dem seine Erzählweise ins Gesicht geschrieben steht. Der 45 Jahre alte Amerikaner gehört zu jenen Schriftstellern, deren schnörkellose Prosa man dirty realism getauft hat, so wie vor Jahren Alexander Kluge von „schmutzigen kleinen Filmen“ gesprochen hat, die die sauberen Lösungen und die großen Posen verschmähen. Nicht zu Unrecht ist Wolff daher mit dem verstorbenen Raymond Carver und mit Richard Ford verglichen worden, der einmal gesagt hat, seine Geschichten wollten „dem Leben eine Stimme leihen, das sonst keine hätte“.

Der Erzähler Tobias Wolff, hierzulande noch wenig bekannt, in den Vereinigten Staaten für seinen Roman „The Barracks Thief“ mit dem Faulkner-Preis bedacht, läßt sich nun in zwei Büchern kennenlernen: in einer Sammlung von Erzählungen und einem Roman, deren Titel „Jäger im Schnee“ und „Das Herz ist ein dunkler Wald“ direkt in die Wildnis zu weisen scheinen.

Der Roman „Das Herz ist ein dunkler Wald“ beginnt wie ein road movie. Ein zehnjähriger Junge ist mit seiner Mutter unterwegs von Florida nach Utah, von Utah nach Seattle, durch die amerikanische Provinz, dort, wo sie am verlassensten und trostlosesten ist, auf der Flucht vor einem gewalttätigen Stiefvater. Das Besondere an dieser einfachen und geradlinig erzählten Story ist, daß es sich um Wolffs eigene Kindheit und Jugend handelt. Eine „wahre Geschichte“ also, die mit der Wahrheit auch das Risiko auf sich nimmt, zur Wunschbiographie mit nachträglich fingierter Folgerichtigkeit zu werden oder eine jugendliche Naivität vorzuspiegeln, die die Reflexionsstufe des Erwachsenen nur mühsam verdeckt.

Es scheint jedoch, als habe Wolff schreibend versucht, mit sich und seiner Jugend ohne Schuldzuweisungen und Projektionen ins reine zu kommen, und sich lediglich eine kleine Geste des Triumphs erlaubt: „Mein erster Stiefvater pflegte zu sagen, was ich nicht wisse, würde ein ganzes Buch füllen. Nun, hier ist es!“ Toby, der Jack heißen will, wie Jack London, „war nicht nach Utah gekommen, um derselbe Junge zu bleiben, der ich gewesen war“. Toby quälen die Nöte der Pubertät, die Angst vorm Versagen und das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden. Er leidet daran, daß seine Mutter, die er liebt, stets an die falschen Männer gerät. Die selbstbewußte Frau, in der sich „eine merkwürdige Unterwürfigkeit“ mit „einer widersprüchlichen Abscheu vor jeglichem Zwang“ verbunden hat, erscheint zu stark für ihre Partner, doch nicht stark genug, um sich als alleinerziehende Mutter im Mief der fünfziger Jahre zu behaupten.

Dwight, Tobys zweiter Stiefvater, ist kaum besser als sein Vorgänger: Ein kleinlicher, sadistischer Gernegroß voller Minderwertigkeitsgefühle, der dem Jungen Disziplin beibringen will, indem er ihn zu sinnlosen Arbeiten zwingt oder das Geld fürs Zeitungsaustragen einbehält und versäuft, der die Mutter, als sie ihn verlassen will, mit dem Messer bedroht.

Toby erfindet Selbstbilder und versucht, in Rollen zu schlüpfen, wie er vorm Spiegel einen neuen Anzug ausprobiert. Er strebt nach dem Edelmut des Pfadfinders oder der schweigsamen, aufrechten Unabhängigkeit des Westernhelden, während er mit Freunden loszieht, die eine Nazi-Armbinde tragen, mit Rowdys, die klauen, Autos demolieren und ihre Opfer als „Drecksjude“ titulieren. „Ich wollte einfach, daß alles richtig klappte“, sagt Toby, um alles zu tun, was das ohnehin prekäre Zusammenleben der Familie unterminiert. „Ich war ein Lügner. Obwohl ich an einem Ort lebte, wo jeder wußte, wer ich war, konnte ich mich nicht zurückhalten, und versuchte, neue Versionen von mir in Umlauf zu bringen.“