Versunken blickt der Autor ins Leere, schmale Lippen und der Finger am linken Mundwinkel bedeuten gestrenge Nachdenklichkeit. Schon das Portrait auf dem Buchdeckel verheißt, was den Leser erwartet: Joachim Gauck, der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Stasi-Akten, erinnert und erinnert sich – und plädiert anschließend auf gut einhundert Seiten an Deutsche in Ost und West, nicht der Versuchung des kollektiven Verdrängens von vierzig Jahren DDR-Vergangenheit, von Anpassung, Verantwortung und von Schuld nachzugeben. Denn, und dieses Wort von Milan Kundera hat sich Gauck selbst als Leitsatz gewählt, "der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen".

Solcherlei Prosa findet sich freilich selten in Gaucks elf Kapiteln über "Die Stasi-Akten, das unheimliche Erbe der DDR". Vielmehr referiert der Chef der ersten gesamtdeutschen Behörde auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ebenso detailträchtig wie spröde Informationen aus dem Alltag des Mielke-Ministeriums. Sein neues Amt ließ dem früheren Pfarrer und Bürgerrechtler Gauck keine Zeit, selbst ein ausgefeiltes Manuskript zu schreiben. Er konnte seine Trilogie über die Opfer, die Täter und die Erben des bürokratischen Totalitarismus nur in mehreren Gesprächsrunden erzählen. Die beiden Bearbeiter hätten gut daran getan, manche seiner Zahlenreihen in einer Tabelle zu ordnen, einige der Exkurse über die politischen Turbulenzen der vergangenen Monate genauer zu redigieren. Auch wird enttäuscht, wer sich sensationelle Enthüllungen erhofft: Die wollte, die durfte Gauck nicht präsentieren.

Das Taschenbuch empfiehlt sich denn auch eher als hilfreiche Lektüre für Stasi-Laien, zumal für Westdeutsche: Denn mehr noch als über die innere Funktionsweise des Apparates erfährt der Leser von der Wirkung dieser allgegenwärtigen, unsichtbaren Bedrohung auf die Menschen hinter der Mauer. Gauck interpretiert "die preußisch-penibel geführten Akten" nicht nur als Protokolle des Unrechtsstaates, er begreift sie zudem als relativ glaubwürdige Dokumente über den Alltag in der DDR: "In der Maske biedermännischer Schlichtheit und bürokratischer Gründlichkeit schlägt einem unweigerlich die ganze Welt der Anpassung, Überwachung und Verfolgung entgegen."

Ziel des Buches ist es letztlich, in der alten Bundesrepublik Verständnis zu wecken für ein Gesetz, das die Aufarbeitung politischer Verantwortung und persönlicher Schuld ermöglicht. Um altes Leid wenigstens teilweise zu lindern, um das letzte Monopol der Stasi – ihr Herrschaftswissen nämlich – zu brechen, eben dazu müsse den Opfern das Recht auf Akteneinsicht gegeben werden. Unnachgiebig streitet Gauck für die Mühe des Differenzierens, für die Prüfung eines jeden Einzelfalles: Zwar seien Täter- und Opfer-Akten rein äußerlich zu unterscheiden, doch bisweilen fänden sich zu einem Decknamen eben verschiedene "Vorgänge". Diese so schwierige Grenzziehung dürfe jedoch nicht dazu führen, "daß sich die wirklich Schuldigen im Nebel zwielichtiger Fälle ihrer Verantwortung entziehen können". Eine Stasi-Amnestie würde nach Gauck nur die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates erschüttern.

Bei seiner Suche nach den Verantwortlichen verweilt Gauck nicht in der berüchtigten Normannenstraße; er verweist auf das Politbüro, auf die Abteilung Sicherheit beim SED-Zentralkomitee, auf "diese miteinander verschmolzene Einheit von Partei- und Sicherheitsapparat", die bis heute noch nicht genauer erforscht ist. Hier könne nur das SED-Archiv Licht ins Dunkel bringen – und "da viele ehemalige SED-Mitglieder ein großes Interesse an der Verwischung der Spuren ihres Handelns haben", müßten diese Akten der PDS aus den Händen genommen werden. Hier wie auch zu den Archiven der Blockparteien müsse seine Behörde Zugang haben.

Daß zuerst die Opfer, die ehemaligen DDR-Bürger, zu fragen sind, wenn es um das weitere Schicksal der Täter, wenn es um Vergeben oder um Verklagen geht – diese Einsicht verlangt Gauck vor allem den Westdeutschen ab; gleichzeitig mahnt er die Ostdeutschen, sich nicht auf einen Konsens des Vergessens einzulassen: "Was wir lernen müssen, ist das sachgerechte Wahrnehmen als Voraussetzung für späteres sachgerechtes Entscheiden." Ein echter Gauck-Satz – recht streng, ein wenig pastoral, aber voller Vertrauen in den endlich mündigen Bürger. Christian Wernicke

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