ZEIT: Frau Breuel, seit Sie Präsidentin der Treuhandanstalt sind, sprechen Sie viel mehr als vorher über die sozialen Nöte und die Existenzangst der Ostdeutschen. Hat bei Ihnen ein Bewußtseinswandel stattgefunden?

Breuel: Ich habe von Anfang an gesagt, daß wir den neuen Ländern nicht von heute auf morgen die soziale Marktwirtschaft überstülpen können, daß die Menschen und die Unternehmen eine Übergangszeit brauchen. Diese Zeit müssen wir sozial erträglich zu gestalten versuchen. Daraus darf aber keine Strukturkonservierung werden, sonst sind wir zum Scheitern verurteilt.

ZEIT: Bereitet es Ihnen schlaflose Nächte, daß von Ihren Entscheidungen das Schicksal von Hunderttausenden von Menschen, von ganzen Städten und Regionen abhängt?

Breuel: Natürlich ist das meine größte Sorge. Im Vorstand der Treuhand führen wir denn auch leidenschaftliche Diskussionen. Wenn ich aber nachts immer schlaflos wäre, dann wäre ich für diesen Posten nicht geeignet.

ZEIT: Früher betonten Sie die Notwendigkeit einer schnellen Privatisierung. Als Präsidentin der Treuhand sprechen Sie jetzt viel häufiger von Sanierung. Ist diese Akzentverschiebung das Ergebnis eines Lernprozesses?

Breuel: Privatisierung ist die wirksamste Sanierung: Die Unternehmen erhalten neues Wissen, neues Kapital und neue strategische Unternehmensziele. Dennoch bleibt richtig, daß auch ich einen Lernprozeß durchgemacht habe. Wenn man wie ich in vielen Betrieben mit den Belegschaften gesprochen hat, dann ändert sich auch das Bewußtsein.

ZEIT: Was ist das menschliche Erlebnis, das Ihnen dabei am nächsten gegangen ist?