ZDF, Sonntag, 26. Mai, 22.10 Uhr. "Der Rausschmeißer"

Xaver Schwarzenberger hat, nachdem er bei wichtigen Fassbinder-Filmen hinter der Kamera stand, inzwischen auch als Regisseur einen Namen. Für seinen Film "Ein anderer Liebhaber" bekam er 1990 den Adolf-Grimme-Preis; das war allerdings ein Stoff von Georges Simenon, das waren funkelnde Dialoge. Hier hat der Stoff etwas Moritatenhaftes; was gesprochen wird, ist platt realistisch oder sentenziös. Das Buch von Jörg Graser hat Schwächen, aber der Film ist dennoch sehenswert – weil Schwarzenberger ein Gefühl dafür hat, wie die Hölle aussieht.

Schwarzenbergers Hölle dampft, er liebt die Bilder nach dem Regen, draußen vor der Stadt die dampfenden Schlammwege, den feuchtwarmen Asphalt am Hauptbahnhof. An der Bahnhofsbrücke, die er mit der Kamera umschleicht wie ein Spanner, stehen die Huren und frösteln und zittern vom Entzug; draußen, im Schlamm der Vorstadt, werden sie abgeladen, wenn sie nicht mehr zu brauchen sind. Schwarzenberger zeigt den Höllendunst, der aufsteigt, wenn die Erde schwitzt, und er zeigt Menschen, aufgedunsene, denen der Dunst ins Gemüt gekrochen ist, rötliche, feiste Gesichter im bläulichen Neon, schwer atmende Münder, wabblige Umrandungen eiskalter Augen.

Es ist "das Milieu", es ist "der Bodensatz". Dumpfes Grauen, dumpfe Sehnsucht, die man wiedererkennen kann, wenn man sie als Bodensatz in sich trägt. Eine Story, Bilder, die beinahe klassisch und nahe am Klischee sind. Der Bauch regiert, der Trieb, die Gewalt, der Depp von einem Rausschmeißer (David Martin) ist der letzte Mensch unter all den Höllen-Monstern. Er wird die arme Hur’ erlösen, wenn er schon am Verbluten ist. Ein Melodram; aber Schwarzenberger und seine Schauspieler sind zu gut, als daß man sich davonmachen könnte als Zuschauer.

Als die Fanny (Claudia Messner) mit achtzehn aus dem Heim für gefallene Mädchen entlassen wird, ist sie schon verloren; ahnungslos taumelt sie den Weg allen Fleisches, unabwendbar wie in einer klassischen Tragödie. Sie sucht Bindung und wird gebunden, mit richtigen Eisenketten und ohne Ketten, von einem, der Frauen vermietet, weil er es ihnen "richtig besorgen" kann, wird angeeignet und Leibeigentum, mit einer tätowierten Spinne zwischen den Beinen. In einem Auto wird sie unterworfen, draußen, im dampfenden Schlamm der Vorstadt; ihr Atem, ihr Schweiß hinter der nassen Scheibe, eingesperrt in die eigenen Ausdünstungen. Eingefangen, gebunden von den eigenen ahnungslosen Gelüsten.

Sie ist eine, die was vom Liebemachen versteht, von allen Feuchtigkeiten des Lebens. Aber nichts von der Liebe, die ihr in einer häßlichen braunen Wolljacke gegenübertritt, als depperter Rausschmeißer, der sie mit warmen, großen Händen fassen will und nicht mehr lassen, der bleiben will und sie verfolgt als ihre dunkle Sonne.

Die feldsteinerne Kirche ist innen mit trockenem Staub bedeckt, da können sie niederknien, ohne verlockt und verletzt zu werden, da sind sie geschützt und werden heil, der Depp und die Hure. Da können sie aufsehen von sich selbst und eine Bindung ahnen an die Luft und an den offenen Raum droben, wo Klarheit ist und Licht, wo sich der Erdendunst verzogen hat. Im Kirchenschiff über kochender Erde, aus der die Mörder ihre feisten Hälse recken. Martin Ahrends