Von Carola Stern

Alle acht Wochen steckt ein Brief aus Mainz im Kasten. Darin bittet mich Herr Borrmann, Mitglied der deutschen amnesty-Sektion, um eine urgent action, eine Eilaktion für einen bestimmten, an Leib und Leben unmittelbar bedrohten Verfolgten. Alle näheren Angaben und Adressen enthält das vorgedruckte Informationspapier. Diese urgent action, an der regelmäßig weltweit ein paar tausend Menschen beteiligt sind, ist vielleicht die erfolgversprechendste der vielen neuen Wirkungsformen, die amnesty entwickelt hat.

In der Aufbauphase der sechziger Jahre haben wir oft beklagt, politischen Verfolgten gerade dann nicht beistehen zu können, wenn sie am nötigsten den Beistand brauchten, zum Beispiel in Polizeirevieren und in der Untersuchungshaft, wo es am häufigsten zu Mißhandlungen kommt, oder auch wenn Todesschwadronen Oppositionelle gekidnappt haben und verschwinden lassen wollen. Die Ausnutzung moderner Kommunikationsmittel, Eilaktionen in Form von Eingaben und Protesten bei Behörden per Telephon und Telegramm, Telex oder Telefax, ermöglicht Wirksamkeit, wo innerhalb von Stunden und Tagen gehandelt werden muß.

In den vergangenen Jahren zeigte sich aber auch, daß die Gruppenarbeit bei amnesty stagniert. Junge Leute engagieren sich in Umwelt- oder anderen Bürgerinitiativen, die es vor zwanzig, dreißig Jahren noch nicht gab. Viele möchten ihre Freizeit nur privat verbringen. Die Individualisierungstendenzen in der Gesellschaft, sagen meine Freunde von der deutschen amnesty-Sektion, machten auch vor unserer Organisation nicht halt. Vielleicht sei Gruppenarbeit out, erinnere zu sehr an Vereinsmeierei, Teamzwänge, Disziplin. Doch wer eine Fremdsprache sowie die nötigen technischen Hilfsmittel beherrsche, könne in seiner Dienstzeit beispielsweise einen libyschen Gefängnisdirektor kontaktieren, um sich nach dem Gesundheitszustand eines lebensgefährlich erkrankten politischen Häftlings zu erkundigen, oder er könne per Telex in Guatemala Einspruch erheben gegen die gerade erst erfolgte Verhaftung eines Berufskollegen.

Andere Menschen lassen sich auf andere neuere Aktionsformen ein. Pädagogen entwerfen Pläne für eine wirkungsvolle Menschenrechtserziehung. Schüler sammeln Unterschriften für eine Petition, mit der amnesty die Einführung einer Menschenrechtsklausel für bundesdeutsche Rüstungsexporte fordert – eine Klausel, die verhindern helfen soll, daß Beratung, Ausbildung oder Ausrüstung von Streitkräften oder Polizeieinheiten eines anderen Staates zu Menschenrechtsverletzungen benutzt werden können. Verwaltungsangestellte helfen Asylantragstellern bei schwierigen Behördengängen. Amnesty international hat sein Tätigkeitsfeld erweitert und auch die Arbeitsformen.

Doch gerade deshalb erscheint mir der Erhalt der traditionellen amnesty-Gruppe unabdingbar. Erfahrungen mit den in den siebziger Jahren entstandenen neuen sozialen Bewegungen haben gezeigt, in welchem Ausmaß die Beteiligung an Kampagnen ohne feste Organisationsformen von Zeitströmungen, ja von rasch wechselnden Stimmungen abhängt; auf kurze Hochs folgen längere Tiefs. Aber gerade Hilfe für politisch Verfolgte erfordert Stetigkeit, einen Kern freiwilliger, engagierter, miteinander verbundener zuverlässiger Mitarbeiter.

Trotz aller Kampagnen, Appelle, Konventionen – noch immer wird in vielen Ländern des Nahen Ostens, Afrikas und Asiens gefoltert, werden Menschen entführt, ermordet, hingerichtet. Noch immer kämpft amnesty mit großen Schwierigkeiten, in den afrikanischen Staaten Fuß zu fassen und politischen Häftlingen auch in dem der Organisation verschlossenen Nordkorea Schutz zu bieten. Doch stehen neben solchen Niederlagen bedeutende Erfolge. Die KSZE-Konferenzen, UN-Konventionen und Pakte, Jimmy Carters wenngleich unzulängliches, doch unvergessenes Engagement für Menschenrechte sind Beispiele dafür, daß diese heute in der Politik einen ungleich höheren Stellenwert besitzen als vor dreißig Jahren. Amnesty international hat dazu beigetragen und davon profitiert.