Gestandene Ausstellungsmacher verwandelt er in Lyriker, verwandelt Kataloge in Poesiealben, in denen es singt und klingt von den Anrufungen eines modernen Odysseus auf seiner Reise durch die Zeiten. Jannis Kounellis, der Zauberer. Er beschwört Vergangenheit und läßt dabei Gegenwart entstehen. Er arrangiert seine künstlerischen Mittel zu suggestiven, aber stets auch präzis formulierten Imaginationen – künstlerische Mittel, die sich seit den Anfängen der Arte povera wenig verändert haben. Mit kombinatorischer Phantasie nutzt er ihre assoziative Kraft und läßt sie sprechen: Mauersteine und Glasflammen, gipserne Antikenreste, Stofflappen und Säcke, eine eiserne Wand, ein altes Schiff.

Vergängliches und Überdauerndes bilden zusammen die überraschende und poetische Wirklichkeit dieses Werks. Seine Räume inszeniert Kounellis wie offene Bühnen, versinnlicht Reflexionen über Natur, Kultur und Geschichte in theatralischen Ereignissen. Oder er fügt „Erinnerungsfragmente“ zu einer hoch ästhetischen Partitur wie jetzt in einer Ausstellung der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Papierarbeiten aus etwa dreißig Jahren hat der Künstler ausgewählt. Und tritt gleich wieder als der Zauberer an: Alles scheint ihm verfügbar. Nichts ist Vergangenheit. Alles ist Vergangenheit und Gegenwart zugleich.

Odysseus begegnet den Zeiten und den Zeichen, den versunken geglaubten ersten Formulierungen längst vergangener Aktionen und Installationen. Er vereint die flüchtigen Notate mit den großen Blättern der frühen emblematischen Ziffern und Buchstaben – das Ephemere mit dem stabil Präsenten. Er feiert die antikische Linie auf großen Bögen mit Köpfezeichnungen. Er gönnt sich einen Moment großer Stille bei den rußigen schwarzen Kohle-Arbeiten von 1979, aus deren düsterem Fond die Ritz-Linien von Köpfen und wehenden Haaren auftauchen. Aquarelltöne irrlichtern in der vielteiligen „Hommage an Lotte Lenya“ (1974), dem großen, funkelnden Auftritt einer Heroine auf kleinem Papierformat. Auch hier nur ein Ausschnitt aus der Fülle; an der weißen Wand jedoch ereignet sich eine vom Künstler’ gesuchte Begegnung der Lenya mit dem Geist van Goghs.

„Die Gewißheit Giottos, die Gewißheit Cézannes“, notierte Kounellis vor Jahren, „und das andere, das Verschiedene, das dramatisch Unterschiedliche bleibt van Gogh.“ Ihm zu Ehren reiht er nun Eisenplatten, graue, matt schimmernde Flachreliefs mit einer (verschlossenen, auch vergitterten) Öffnung, hinter der ein wenig Licht schimmern kann. Die „Ausblicke“ suggerieren (und verstellen) Landschaft.

Ganz so leicht ist es nicht, Odysseus zu folgen. Kounellis, beim Aufbau seiner Ausstellung konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit, läßt den Strom fragmentierter Erinnerungen ohne Kommentar dahinfließen. Hier eine Hommage, dort ein Memento mori; ein paar lebendig wirkende graphische Einfälle, in denen das ganze Werk beschlossen scheint, dann wieder ein oder zwei klassische Kopf- und Figurenstudien in schönen Linien; nervöse Scribbles oder leicht hingetuschte, sanft den Bildraum füllende Kreidestriche, Ruß- und Brandspuren: autonome, eigenwillige Zeichnungen.

Sie lassen Entdeckungen zu, öffnen sich für neue Begegnungen, im ruhigen, gelassenen Rhythmus einer gescheiten, sensiblen Regie. Doch ganz ohne Hinweise, wie der Künstler es wünschte, kommt die Ausstellung nicht aus, sie will mehr sein als ein Schauspiel für Connaisseurs. Beschriftungen gibt es nun doch. Auf einen Katalog allerdings, auch Zauberer sind nicht allmächtig, müssen wir noch etwas warten. (Kestner-Gesellschaft bis 16. Juni)

Ursula Bode