I. Eine Milliarde für Plötzin

Vergilbte Tapeten, schwere Gardinen. Im kleinen Tanzsaal der „Fischerhütte“ steht der Zigarettenqualm. Bürgermeister Lothar Schneiderwind begrüßt den Rat der Gemeinde Plötzin. Der Kellner bringt noch schnell eine Runde Bier. „Wir wissen ja alle“, sagt der Bürgermeister feierlich, „worum es heute geht.“ Sechzehn Ratsmitglieder sitzen um ihn, redliche Frauen und Männer in schlichten Pullovern und offenen Hemden.

Beim 5000 Einwohner zählenden Plötzin, vierzig Kilometer westlich von Berlin, kreuzen sich der Berliner Autobahnring und die Bundesstraße 1. Deshalb soll hier Gewerbegebiet erschlossen werden: auf den Feuchtwiesen, gleich neben dem Naturschutzgebiet Plessower See. Stumm folgt der Gemeinderat der Vorstellung des Flächennutzungsplans. „Bemerkungen, Fragen, Hinweise?“ hakt der Sitzungsleiter nach. „Keine!“ Sechzehn zu eins stimmt der Rat für den Plan. „Ein Dokument“, hebt der Bürgermeister noch einmal die Stimme, „das für die Zukunft des Ortes bestimmend ist.“

Nun tritt der Initiator des Planes selbst vor den Rat. „Die jetzigen Überlegungen gehen noch über 4000 Arbeitsplätze hinaus“, sagt Eberhard Renfordt, Rechtsanwalt und Notar aus Minden. Damit übertrumpft der Planer alle bisherigen Zusagen und bittet bei dieser Gelegenheit gleich darum, eine Wohnansiedlung zu erlauben: „Daß wir nicht in andere Gemeinden abwandern müssen.“

Noch einmal läßt die Summe des Investitionsvolumens Augenpaare leuchten: eine Milliarde Mark. Mit von der Partie, verkündet Renfordt, seien japanische Großbanken und die Stärksten der Baubranche. Die Firma Hoch-Tief stehe als Generalunternehmer bereit. Applaus für den Macher! Dank vom Bürgermeister: „So sind wir richtig beraten.“ Endlich habe das „Zittern und Bangen“ ein Ende. Und noch einmal an den Rat gewandt: „Was wäre alle Mühe und aller Fleiß, wenn hier nicht ein klares Ja unserer Abgeordneten gewesen wäre?“

Der Planer ist nach der Sitzung sehr zufrieden. Geplant hätten auch andere schon in Plötzin. Aber er allein habe sich die Grundstücke über notarielle Optionsverträge gesichert. Für ihn, zeigt sich Renfordt bescheiden, blieben Honorare für Beratung und Projektentwicklung.

Pionier oder Profiteur, darüber scheiden sich im Lande Brandenburg inzwischen die Geister. Ohne den in Unternehmerkreisen als seriös geltenden Renfordt aus Minden liefe nichts in Plötzin. Doch das, was er durchgesetzt hat, läßt Raumordnungsplaner erschaudern. Umweltfreundliches High-Tech-Gewerbe hat der Erschließer „wegen des Emissionsschutzgesetzes“ versprochen. Der erste Blick auf die Pläne zeigt Parkhäuser und ein Hotel. Sofort erkennbar ist auch das Einkaufszentrum. 60 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, das entspricht der Ladenzeile einer Kleinstadt. Das Ensemble macht einen Großteil des zu erschließenden Geländes aus. Nur fünfzehn Prozent, sagt Renfordt, sei reine Handelsfläche, fast alles andere gehöre zum Dienstleistungsbereich. Städtebaulich nicht integriert und zu groß für die benachbarte Stadt Werder – so urteilt das Brandenburger Ministerium für Raumordnung und Umweltschutz. Und: keine Schienenanbindung, ein notwendiger Ausbau der Bundesstraße 1 zöge das gesamte Obstbaum- und Naherholungsgebiet in Mitleidenschaft. Mit seiner Planung hätte Renfordt in Westdeutschland keinen Erfolg gehabt – in solcher Eile sowieso nicht.