Der Tag der Abstimmung über Bonn oder Berlin naht, und die Fronten sind – quer durch Parteien, Redaktionen, Kneipen und Familien – so unversöhnlich, daß es höchste Zeit scheint für die Alternative: Bonn und Berlin.

Die "Radikal-Alternative" habe etwas Menschenverachtendes, sagt Heiner Geißler, der geistige Vater des Zwei-Städte-Modells, über die bisherige Diskussion. Der 61jährige stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende beruft sich dabei auf seine bereits etwas längere Erfahrung: "Noch nie habe ich erlebt, daß eine so wichtige Entscheidung von solcher Tragweite so schlecht vorbereitet worden ist." Weder politisch noch arbeitsmarktpolitisch sei eine Alles-oder-nichts-Entscheidung für Berlin zu verantworten, gegen eine ausschließliche Entscheidung für Bonn spreche die psychologische Befindlichkeit der Menschen im Osten: "Man muß angesichts der sozialen Situation dort aufpassen, daß der Film nicht reißt" – eine knappe Mehrheit gegen Berlin sei deshalb nicht zu verantworten.

Wenn 4000 Stahlarbeiter von Kurzarbeit bedroht seien, sagt Heiner Geißler, gebe es eine Konferenz beim Bundeskanzler, mit Gewerkschaftern, Arbeitgebern und dem zuständigen Ministerpräsidenten. Am 20. Juni aber solle im Bundestag über die Lebensperspektive von mindestens 250 000 Menschen per Zufallsmehrheit – "aus dem hohlen Bauch" – entschieden werden. Das nennt Geißler ein klares Beispiel für die "Arroganz der Macht".

So redet der CDU-Mann sozialdemokratischer – also näher an den Interessen der kleinen Leute – als viele führende Köpfe der alten Arbeiterpartei, ob Brandt oder Vogel, Däubler-Gmelin oder Thierse. Die vermuten hinter jedem Bonner Argument für Bonn nur Eigenheim und Bequemlichkeit, den Egoismus des Wohlstands, gerade so, als lebte jeder Bonner, der nicht nach Berlin will, in ihrer Gehaltsklasse.

Hat der Versuch einer Entspannung im Bonn-Berlin-Konflikt überhaupt eine Chance? Kaum jemand ist offensiv dafür, aber Geißler zeigt Zuversicht: "Alles ist machbar, wenn man es nur will," Zwar gibt es kein vorzeigefähiges Modell für seinen Vorschlag. Wer will sich schon an Südafrika und dessen Kapstadt-Pretoria-Dualismus orientieren? Aber schließlich sei die deutsche Situation ja auch insgesamt einmalig. "Da braucht es eben Phantasie." Nicht nur in der Frage von Hauptstadt und Regierungssitz, möchte man hinzufügen.

Parlament und Regierung gehören zusammen, hält man Geißler allenthalben entgegen. Etwa nicht? Doch, sagt er, im Prinzip ja: "Aber das ist doch keine Aussage über das Sitzfleisch." Daß Bundestag und Regierung eine Flugstunde voneinander entfernt seien, bedeute noch keine Auflösung der parlamentarischen Kontrollfunktion. Ähnlich wie der amerikanische Kongreß sollte sich der Bundestag in Berlin mit einem verstärkten Stab qualifizierter Mitarbeiter ausrüsten und so vom Bonner Beamtenapparat unabhängiger werden.

Der Osten ist für Berlin: Das gilt als gesichert, und wo es einzelne Ossis nicht sind, wollen die Krauses und Thierses kräftig nachhelfen, durch Basisarbeit im Wahlkreis der Abweichler. Der Abgeordnete Rainer Jork aus Radebeul in Sachsen, gelernter Ingenieur und Mitglied der (Ost-)CDU seit 1971, ist so einer, um den sich die Berlin-Lobby noch kümmern wird. Er ist für Bonn.

In der Sonntagsausgabe der FAZ schrieb er: "Ich vermag mir schwer vorzustellen, wie eine erneute Kraftkonzentration auf Berlin (nach der auf ‚Berlin – Hauptstadt der DDR’) entwicklungsfördernd für die neuen Bundesländer (außer Berlin) sein kann." Sollte die Abstimmung am 20. Juni knapp für Bonn enden und Herr Jork bei der Mehrheit sein, dann wird er sich zum Sommeranfang warm anziehen müssen. Werner A. Perger