Von Wladimir Dudnik

MOSKAU. – Neulich wurde ich in der U-Bahn schwer beleidigt. Und es ist mir recht geschehen. Ich hatte bis dahin gedacht, daß ich im Alter von 58 Jahren in den öffentlichen Verkehrsmitteln gut mit einem Stehplatz zurechtkäme. Doch diesmal erspähte ich einen freien Platz, setzte mich hin und begann, eine Zeitschrift zu lesen. Ich war so vertieft ins Lesen, daß ich einen älteren Mann nicht bemerkte, der in den Wagen einstieg. Die Stimme einer Frau in mittleren Jahren brachte mich in die Wirklichkeit zurück: „Sie sollten Ihren Platz diesem alten Mann anbieten.“ Ihr Ton war alles andere als höflich.

Ich stand auf und entschuldigte mich – zu spät. Mit der Frauenstimme fiel ein Chor von anderen Stimmen über mich her: Die Verwünschungen wurden lauter und heftiger – um die Aufmerksamkeit der anderen auf diesen Schweinehund von General in seiner schönen Uniform zu lenken.

Noch vor kurzem hatten sie mir ohne Aufforderung ihre Plätze angeboten. Und jetzt? Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert? Wohin ist es mit der sprichwörtlichen Liebe des Volkes zu seiner Armee gekommen?

Das Feindbild entstand nicht über Nacht. Über Jahrzehnte wurde unser Bewußtsein mit dogmatischen Forderungen vergiftet wie: „Volk und Armee sind eins“, oder „Die Streitkräfte sind die geliebten Nachkommen der Kommunistischen Partei“. Dann plötzlich erfuhren wir die erschreckende Wahrheit über den Krieg in Afghanistan. Verantwortlich gemacht wurde natürlich nicht die oberste Befehlsebene, die die wirkliche Schuld trägt, sondern die sowjetische Armee. Auch die Ereignisse in Tiflis, Baku und im Baltikum trugen nicht dazu bei, daß die Armee sich mit Ruhm bedeckte. Sie wurde gezwungen, Aufgaben zu vollbringen, die ihrer Natur fremd waren – sie mußte in interne ethnische und politische Konflikte eingreifen.

Meiner Meinung nach beruht die ganze Malaise nur auf der scharfen Diskrepanz zwischen der neuen Außenpolitik und der alten Militärdoktrin, die von uns verlangte, mögliche Feinde in der Welt um uns herum zu suchen. Jetzt, wo das Bild vom äußeren Feind zerstört ist, steht der Monolith unserer Streitkräfte ganz plötzlich ohne Ziel da. So fand man denn einen inneren Feind – das Volk. Der Glaube an „Volk und Armee sind eins“ brach zusammen, genauso das Dogma von den „geliebten Nachkommen“ Die Öffentlichkeit erfuhr von brutalen Einschüchterungspraktiken in der Armee und zahlreichen Deserteuren. Es wurde auch bekannt, daß Konflikte innerhalb der Armee während der vergangenen fünf Jahre mehr Opfer gefordert haben als der gesamte Krieg in Afghanistan. Die Presse wurde überschwemmt mit gegenseitigen Beschuldigungen gegen diejenigen die den wahren Status der Armee verschleiern, und gegen jene, die die Sowjetarmee verunglimpfen. Und dieser unfruchtbare Dialog dauert bis zum heutigen Tag.

In der Tat haben wir in der Armee für alle die gleichen Bedingungen – ob ein Soldat nun gesund oder behindert, um nicht zu sagen kriminell ist. Manche wurden unter Zwang in die Armee gesteckt. Tausende können den Schliff nicht ertragen und desertieren. Die Offiziere mißtrauen den Generälen, und die wiederum beschuldigen die Offiziere jeglicher Art von Vergehen. Die militärische Ausbildung ist sehr schlecht. Die Kriegsschiffe sind runtergekommen und defekt. Die Flugzeuge sind nicht sicher.