Der eine: aus Basel, ein den pietistischen Protestantismus durchwandernder dichtender Lehrer, ein humanitärer Theologe, ein weltoffener Prediger gegen Scheinmoral, ein gelassener Realist; der andere: aus Frankfurt/Oder, ein durch das preußische Militär geschulter zweifelnder Ästhet, ein die Extreme personifizierender Dichter, ein nationalitätsbewußter Träumer, ein utopischer Idealist. Was die beiden um das Jahr 1810 dachten und niederschrieben, steht dialektisch zu-, neben- und übereinander: Johann Peter Hebel und Heinrich von Kleist.

Der eine: aus dem Schwarzwald, ein an Schönberg und Varese geschulter und von Cage und Nono beeinflußter Komponist, ein an Barth ausgebildeter und an Bloch, Marx und Freud orientierter Theologe, ein von Stockhausen und Kagel profitierender Lehrer und Praktiker; der andere: aus Berlin, ein mit Gebrauchsgraphik beginnender Irrealist, ein durch Bertolt Brecht geweckter Phantast, ein vom Theater entdeckter Bilderbauer, ein das Theater entdeckender Bild-Erzähler. Was die beiden um das Jahr 1991 erfinden und hör/sichtbar machen, steht, ebenfalls, dialektisch zu-, neben- und übereinander: Dieter Schnebel und Achim Freyer.

Ein doppeltes Gegensatzpaar also. Aber aus diesem potenzierten Kontrast läßt sich eine Wurzel ziehen in Form eines zunächst fremdartigen, auch enervierenden, dann aber in seiner distanzierenden Ruhe und Sensibilität den Betrachter/Zuhörer in sich selber hinein- und zurückführenden Theaterabends, der sich freilich nur bedingt in die normierende Alltagsumgebung und Abonnements-Routine eines Großen Hauses, einer Staatsoper (Hamburg) fügen lassen will.

Wir hören (und sehen): zum einen ein fast symmetrisch strukturiertes, reißverschlußartig ineinandergreifendes, zum Ende hin sich strudelartig verkürzendes und beschleunigendes Meta-Drama aus vier Teilen eines futuristisch-visionären Poems in der Hebel wie Schnebel vertrauten alemannischen Mundart über die Endlichkeit und Vergänglichkeit der Stadt, des Landes, der Welt, der Zeitlichkeit, aus drei Erzählungs-Parabeln über soziale Einsichten und den Trost der Klugheit, aus diese Teile jeweils verbindenden Reminiszenz-Momenten, der Wiederentdeckung des verborgenen Bewußtseins, das Ganze eingerahmt von einer „Erinnerung“ und einer „Ahnung“ – „Jowaegerli (Ja wahrlich)“.

Zum anderen ein eher intuitiv ineinander verwobenes dreischichtiges Spiel in der so rational-distanzierten wie präzisen Diktion Kleists: aus „Sprachverläufen“, die eine in vier Abschnitte aufgeteilte Novelle vortragen; aus „Bildern“ und „Bildprozessen“, die Fragmente anderer Texte des Dichters hinzufügen und diese optisch interpretieren; aus „Musikgeschehen“ schließlich, in denen „Inhaltliches musikalisch mitgeteilt wird“ – eine Art dreidimensionalen Gesamtkunstwerks, das uns das Hoch-tief-Verhältnis von Liebe und Schuld, Konvention und Freiheit, Menschlichkeit und Räson, Hoffnung und Wirklichkeit vor Augen und Ohren bringen möchte – „Chili“.

Im ersten, schon 1983 in Baden-Baden uraufgeführten und bei den Donaueschinger Musiktagen erneut gezeigten Stück finden wir Dieter Schnebel noch stärker an die von ihm bis an die Grenzen der Hörbarkeit geführte Musik-Obduktion gebunden: atomisierte Intervall-Strukturen und aus Nuancen lebende Miniaturen, die auch eine Nähe zum Minimalismus zeigen, die sich dem Sensibilismus verdanken und uns das Entstehen von Musik als menschlicher Entäußerung vor die Ohren führen. Im zweiten, einem Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper, kehrt er weit stärker zu thematisch gebundener Intervallik (um nicht zu sagen: Melodik) zurück, erlaubt dem kleinen solistischen Orchester emotional-expressive Ausbrüche und nicht selten illustrative Akzente, ist insgesamt narrativer und assoziativer geworden, was auch bedeutet, daß die Musik jetzt theatralischer und damit plakativer, vordergründiger wirkt. Schließlich bedient sie sich der vom (inzwischen als modisch empfundenen, weil ja dann doch nicht so innovativen) Synthesizer generierten Hintergrundklänge oder läßt ein Solisten-Quartett eine aus der Pop-Musik bekannte Klangtapete liefern. Mit „Chili“ hat Dieter Schnebel – die einen werden das begrüßen, andere es eher verwundert zur Kenntnis nehmen – seine analytischen, eher dekomponierenden Klang-Modifikationen wieder in die „organische“ Richtung und damit seine „Werk“-Vorstellung zum Integralen zurückgeführt.

Beide Teile dieses Musiktheaterabends verbindend, errichtet Achim Freyer auf der Bühne ein steil in die Höhe ragendes Quadrat und chiffriert damit die Abschüssigkeit der Basis menschlicher Existenz: Was wir auf dieser schiefen Ebene als „Welt“ erfahren, ist nur noch Fragment oder Verformung, eine sich quälende Existenz oder ein zur Karikatur verkümmertes Idyll, eine mit sich selber und ihrer Harmlosigkeit zufriedene Ahnungslosigkeit oder ein durch alle Tiefen der Vergeblichkeit getriebenes Sich-Bemühen, eine Rätsel-Welt, ein Welt-Rätsel.